Auftritt
Hessisches Landestheater Marburg: Habt ihr nichts gelernt?
„LebenLifeHayat!“ von Arad Dabiri (UA)– Regie Carola Unser-Leichtweiß, Bühne & Kostüme Stefani Klie, Choreographie Sophia Guttenhöfer
Assoziationen: Theaterkritiken Hessen Dossier: Uraufführungen Carola Unser-Leichtweiß Hessisches Landestheater Marburg

Der weiße Plüschhase hat den Kopf schiefgelegt, die Ohren auf Halbmast. Vorhin wurde noch mit ihm gekuschelt, jetzt sitzt er da und schaut. Niedlich sieht das aus, aber auch skeptisch. Und etwas spöttisch. Es ist ja auch nicht wirklich zu begreifen, mit tierischer Vernunft, was die Menschen um ihn herum da gerade veranstaltet haben. Wie sie sich mit aller Macht und Gewalt gegen das Leben gestemmt haben, jahrhunderte- oder eher jahrtausendelang. Wie sie glaubten, Gemeinschaft über Ausgrenzung konstruieren zu müssen. Wie sie ihre Freiheit hartnäckig mit der Unfreiheit anderer verwechselten.
„LebenLifeHayat!“ ist das zweite Bühnenstück des jungen Autors Arad Dabiri. Es entstand im Rahmen des EU-geförderten Projekts „Future Narratives for Planet Earth“, in dem sieben europäische Theater auf die Suche nach neuen Stoffen und ungehörten Stimmen gehen. Aus Deutschland ist das Hessische Landestheater in Marburg dabei, wo der Beitrag des 1997 geborenen Wieners jetzt von Co-Intendantin Carola Unser-Leichtweiß zur Uraufführung gebracht wurde. Und das war keine kleine Herausforderung.
Arad Dabiri beschreibt sein Stück als „undialogischen Dialog“, als „Fluss, in dem alle gemeinsam baden gehen“. Alles fließt, assoziativ und anspielungsreich. Gedruckt wirkt der Text, als würde er atmen. Zentriert stehen die Wörter auf der Seite, manchmal nur eines pro Zeile, manchmal weit ausgreifend, die Zeilen formen sich auch optisch zu einem an- und abschwellenden Strom. Wie Regisseurin Unser-Leichtweiß dieses Langgedicht auf die Studiobühne am Schwanhof transportiert, wie sie daraus einen Theatertext gewinnt, ohne Poesie, Rhythmus und Eleganz zu opfern, das ist staunenswert.
Denn eine Handlung im engeren Sinne gibt es nicht. Die Ausgangssituation: Eine Gruppe von Menschen – genannt „Die Kinder von Welt“, wobei die Welt ziemlich eindeutig die westliche ist – steht um ein Kind herum und will es opfern. Für den Gott, die Götter, die Gemeinschaftsbildung, egal, man habe das schließlich immer schon so gemacht. Dann meldet sich das Kind zu Wort und bringt alles durcheinander. Weil es so störrisch wie charmant ein Nachdenken darüber einfordert, wie diese Welt funktioniert und ob es nicht vielleicht für alle besser wäre, es zum Beispiel mal ohne Gewalt und Tod, Ausbeutung und Diskriminierung, Rassismus und Krieg zu probieren.
„Habt ihr nichts gelernt?“, fragt Aria, das Kind, das „alle Kinder der Welt“ ist, wie in Marburg in mehr als zwei Dutzend Sprachen zu hören ist. „Dafür sind wir nicht ausgebildet“, antwortet der Chor der Vielen, die doch eigentlich nur alles richtig machen wollen.
Unser-Leichtweiß widersteht der bei solchen Texten oft naheliegenden Versuchung, den Mangel an Action durch ein inszenatorisches Spektakel ausgleichen zu wollen. Sie vertraut dem Wort – und ihrer Choreographin Sophia Guttenhöfer, die die sechsköpfige Gruppe der „Kinder von Welt“ (Flamur Blakaj, Saskia Boden-Dilling, Lisa Grosche, Bibiana Malay, Georg Santner, Christian Simon) immerzu in Bewegung hält, ohne dass das willkürlich oder bloß hibbelig wirken würde. Die schwarz-weiß-grauen Kostüme dieser Mehrheitsgesellschaft, angesiedelt irgendwo zwischen Barockkleidern und den untragbaren Kreationen moderner Modeschöpfung, wagen etwas Bombast, das war’s auch schon. Die Bühne, für die ebenso wie für die Kostüme Stefani Klie verantwortlich zeichnet, ist mit zwei silbern glänzend umrandeten Rotunden sehr reduziert eingerichtet.
In der Ecke hängt als etwas traurige Reminiszenz an den Garten Eden eine immergrüne Büropflanze von der Decke. Auf einer Leinwand im Hintergrund blitzen neben englischen Übertiteln gelegentlich Fotos auf, knarzend wie eine Bildstörung, um das Publikum zumindest bei einigen von Dabiris zahlreichen zeithistorischen Anspielungen etwas an die Hand zu nehmen. Der vermeintlich harmlose Deutschnationalismus bei der Fußball-WM der Männer 2006, der Terror vom 11. September 2001, die Geflüchtetenmigration 2015, die rassistischen Morde von Hanau 2020.
Die Rolle des Kindes, das seine Individualität gelegentlich hinter einer weißen, kulleräugigen Maske mit pinkfarbener Wollmütze verbirgt, hat Unser-Leichtweiß zweigeteilt: Greta Lou Plenkers ist wütend in ihrer Anklage, aufrichtig in ihrer Verständnislosigkeit, versöhnlich beim Brückenbauen, optimistisch in ihrem Glauben, dass die Menschheit doch noch die Kurve kriegen kann: „Der Nullpunkt liegt immer in uns.“ Faris Saleh dagegen, der Teile des Texts auf Arabisch spricht, trägt den Schmerz und das Leid im Blick, Spuren des verwehrten Lebens. Er ist es auch, der sich lange an dem weißen Plüschhasen festhält.
Sehr rhythmisch, sehr beweglich, sehr tänzerisch ist diese Inszenierung. Und sehr musikalisch. Bob Dylans „The times they are a-changing”, klassisch dargeboten mit Schradelgitarre und trötender Mundharmonika, steht programmatisch am Anfang. Später ist es, passend zur Wortkunst dieses Langgedichts, vor allem Hip-Hop. Arad Dabiri ist Fan des Rappers Haftbefehl. Auch den Titel „LebenLifeHayat!“ hat er sich aus einem Track von ihm geborgt.
Erschienen am 30.4.2026


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