Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Archipel Moskau – Ein Theaterreport (12/2012)
Der Philosoph der Dunkelzonen Friedrich Nietzsche war es, der mit seinem Verweis auf das Apollinische das Traumelement des Theaters bestimmt hat. Kris Verdonck folgt dieser Spur, wenn er das Theater als eine Traummaschine begreift, „die uns zum Beispiel fliegen machen soll, mit der man Doppelgängern begegnen kann, Halluzinationen erleben und viele andere Dinge. Doch hinter all dem steckt immer die Maschine – selbst wenn man auf der Bühne kein Theater spielen will, muss man mit ihrer Hilfe dem Publikum aktiv zu verstehen geben, dass man kein Theater spielt.“ Sebastian Kirsch diskutiert im Künstlerinsert über das Unheimliche, über Franz Kafka, Heiner Müller und die Figur des Doppelgängers.
Dass das Theater an der Grenze siedelt, war auch das Credo Pjotr Fomenkos, des kürzlich verstorbenen Doyens der Moskauer Szene: „Das Theater hat nichts mit dem Leben zu tun, es ist ein Zufluchtsort für Kreative, die unernst Ernstes schaffen.“ Olga Galachowa führt durch den Kosmos der russischen Metropole mit mehr als 300 Theatern und 600 Premieren im Jahr, in dem der Stern von Rimas Tuminas besonders hell strahlt. „In seiner letzten Inszenierung anlässlich des Jubiläums des Wachtangow-Theaters, ‚Der Hafen‘, nimmt er zusammen mit den ältesten Schauspielern Abschied von der großen Zeit des Theaters, in dessen Mittelpunkt der große Schauspieler steht: ein Requiem auf eine untergehende Theaterform.“
Am 24. Januar 2011 kam die aus Odessa stammende russischsprachige Autorin Anna Jablonskaja nach Moskau, um einen Preis für ihr Stück „Heiden“ entgegenzunehmen. Auf dem Flughafen gab es eine Explosion. Es heißt, ein Splitter habe sie mitten ins Herz getroffen. Ihre Freunde in der Ukraine schrieben, sie sei Opfer eines fremden Krieges geworden. Wir drucken ihr Stück „Monodialoge. Es gibt kein Ende“ ab.
Den Moskau-Schwerpunkt beschließt Dorte Lena Eilers, die sich mit dem Verfahren gegen Pussy Riot und Milo Raus Installation „eines gigantischen Geschichts- und Gerichtsprozessors“ auseinandersetzt, in dem „wie Gespenstererscheinungen per Referat, Diskussion und Workshop Figuren, Ereignisse und Zeiten vorbeiziehen“, die u. a. das Verhältnis von Staat, Religion und Kunst in Putins Russland durchleuchten.
Dagegen geht es in der Zukunft vergleichsweise gemütlich zu, jedenfalls wenn man dem Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski glaubt. Gegenüber Frank Raddatz erklärte er auf wissenschaftlicher Grundlage, warum die nächste Katastrophe erst im Jahr 2017 zu erwarten sei, und lobt die Krisenresistenz der Bevölkerung, die manchmal schwer von Apathie zu unterscheiden ist. Aufgewacht ist man hingegen in Bremen. In der Disziplin „Theater und Krise“ kann es im deutschsprachigen Raum bekanntlich kaum einer mit den Bremern aufnehmen, wo der Intendant gemeinhin als eine Spezies betrachtet wird, deren Aufgabe es ist, „den größten Teil seiner Arbeitszeit dem aufreibenden Kampf mit inkompetenten und kürzungswütigen Kulturpolitikern zu opfern“. Doch urplötzlich hat der Spuk der Kürzungswut in der Hansestadt ein Ende, und der neue Intendant Michael Börgerding profitiert „von der Kulturaffinität des Senatspräsidenten Jens Böhrnsen und dem Sachverstand der Staatsrätin Carmen Emigholz (…). Fast geräuschlos haben sie das kürzlich noch mit über fünf Millionen Euro verschuldete Haus entschuldet sowie die jährlichen Zuschüsse von knapp 24 Millionen (…) auf 26 Millionen Euro erhöht“, berichtet Alexander Schnackenburg.
Das Theaterereignis der letzten Monate trägt aber wieder vertraut albtraumhafte Züge. Unser Held heißt Brett Bailey. Renate Klett porträtiert den Goalgetter des Berliner Festivals Foreign Affairs. „Sein Wappentier und Maskottchen ist eine riesige Kakerlake. ‚Die leben hinter der Fassade, die kennen die Rückseite der Schönheit‘, sagt er. ‚Und mit diesem Wissen kommen sie nachts hervor.‘“ Offenbar bewegt sich etwas in der Anderswelt, wenn die Grenzen poröser werden. //
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