Theater der Zeit

Vorwort

Erschienen in: Lektionen 5: Theaterpädagogik (10/2012)

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Die Theaterpädagogik im deutschsprachigen Raum hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten geradezu sprunghaft entwickelt. Als eigenständige Disziplin nimmt sie heute einen festen Platz in künstlerischen Betrieben, kulturellen und sozialen Einrichtungen, Bildungsinstitutionen, Hochschulen und in der kulturellen Öffentlichkeit ein. Das ist nicht selbstverständlich. Noch vor zwanzig Jahren haben beispielsweise zahlreiche Theaterleiter Junges Theater und Theaterpädagogik für überflüssig gehalten, ja sie haben sie sogar abgelehnt, kleingemacht und erst anerkannt, als es dafür öffentliche Mittel gab. Heute gibt es kaum noch ein Stadt- und Staatstheater, das ohne Theaterpädagogen arbeitet, tatsächlich gibt es sogar neu geschaffene Stellen dafür. Jugendclubs an Theatern sind inzwischen eine Selbstverständlichkeit.

Hatten Unterrichtsstunden im Fach Theaterpädagogik seinerzeit an Hochschulen und Universitäten eher den Anstrich eines freiwilligen Zusatzangebots und wurden ihre Dozenten von den Kollegen aus den etablierten Wissenschaftsgebieten mehr oder weniger scheel angesehen, gibt es heute zahlreiche deutschsprachige Hochschulen, die dieses Fach mit dem staatlich anerkannten Abschluss Bachelor oder Master of Arts anbieten und Professuren mit der entsprechenden Denomination ausschreiben. Theaterpädagogik ist ein Lehrfach geworden – eines, für das die Freude an schöpferischen Gestaltungsprozessen eine der zentralen Triebfedern sein kann und sein soll.

Am Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends kann man feststellen, dass inzwischen eine Generation von Theaterpädagogen (1) herangewachsen ist, die eine solide Ausbildung genossen hat und sich nun selbstbewusst und selbstsicher mit der Berufsbezeichnung „Theaterpädagoge“ vorstellt. Das ist neu. In der ersten Generation von Theaterpädagogen – überwiegend um das Jahr 1940 geboren und auf theaterpädagogischem Gebiet seit dem Ende der 1960er Jahre tätig – war der Begriff nicht gern gebraucht, eher erlitten oder auch ertragen.

Theaterpädagogik hat sich etabliert, sei es als kollektiver Prozess, als Aufarbeitungsmöglichkeit der eigenen und anderen Biografien oder als Teil von Friedensforschung. Auf sozialem Gebiet ist die theaterpädagogische Arbeit ein inzwischen überaus geschätzter Faktor von Teilhabe, Emanzipation und Identitätsfindung, sie ist eingebunden in Heilungsprozesse wie in Rechercheverfahren von realen Konflikten in Institutionen, Unternehmen und Systemen. In kirchlichen und schulischen Kontexten war Theaterarbeit seit eh und je ein gepflegter und gefragter Partner, in der Lehrlingsausbildung wird sie gerade wieder frisch entdeckt. Ob Gefängnis, Psychiatrie, Fremdsprachenunterricht, Schule, Seniorenheim, Jugendfreizeitstätte oder Kunstschule – kaum ein Gebiet, auf dem mit Theatermitteln und Theatermethoden nicht gearbeitet wird bzw. zumindest werden könnte. Entsprechend heterogen und vielfältig sind auch ihre Methoden und theoretischen Ansätze. Die Überschneidungen mit Methoden und Praktiken des professionellen Theaters sind ohnehin evident.
Das macht die Spannbreite für die Konzeption eines solchen Bandes wie dem hier vorliegenden aus. Alle Tätigkeitsfelder, Projekte und Diskurse der gegenwärtigen Theaterpädagogik sind nicht abzubilden und eingehend zu behandeln. Die Herausgeber haben sich darum entschlossen, die relevanten Themenbereiche in drei große Abschnitte zu gliedern. Der erste Teil untersucht Theorie, Geschichte und Konzepte der Theaterpädagogik. In einem zweiten Abschnitt werden Fachpraxis und Methoden des Fachs beschrieben. Der dritte Teil beschreibt die Arbeitsfelder, in denen Theaterpädagogen zu finden sind. Es ist uns gelungen, als Autoren für die Beiträge zahlreiche der namhaftesten Vertreter des Fachs zu gewinnen. Wir bedanken uns auf diesem Wege für ihre Mitarbeit. Für wichtig hielten wir es außerdem, Hinweise auf die Ausbildungsmöglichkeiten zu geben. Ein Anhang, wo dies im Hochschulbereich und bei freien Trägern beispielhaft aufgelistet wird, rundet die Zusammenschau ab.

Dieses Buch soll nicht nur in die wichtigsten Themenfelder der Theaterpädagogik einführen, sondern zeigen, was den Theaterpädagogen auszeichnet: behilflich zu sein, zu motivieren, selbstkritisch auf der Suche, wie wir uns und anderen das Spielen lehren.

Drei Herausgeber sind aufgebrochen und haben keine gemeinsame Fröhliche Wissenschaft gefunden. Die unterschiedliche Musik in den Texten dieses Buches und seiner Akteure kann die Zirkuskuppel öffnen, in der Manege einer Theaterpädagogik, in der jeder einen Platz zu haben scheint, wie in Kafkas Zirkus von Oklahoma: Es lebe der Irrsinn und der ständige Versuch.

Christoph Nix, Dietmar Sachser, Marianne Streisand im Juni 2012

 

1Um die hier versammelten Texte leicht lesbar zu gestalten, wird auf eine sprachliche Differenzierung zwischen weiblichen und männlichen Personen verzichtet und die männliche grammatische Form verwendet. Falls nicht anders angegeben, sind jeweils alle Personen gemeint.

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