Auftritt
Theater der Welt in Chemnitz: Den Affen spielen, den Menschen sezieren
„Kafka’s Ape“ von und mit Tony Bonani Miyambo nach Franz Kafka – Regie Phala Ookeditse Phala, Stage Management und Producer Matjamela Motloung
von Michael Helbing
Assoziationen: Theaterkritiken International Sachsen Dossier: Festivals

Zum Schlussapplaus nach einer knappen Stunde stehen die Zuschauer geschlossen auf sowie dem Schauspieler, dem das gilt, alsbald, nach mehreren Abgängen, die Tränen im Gesicht. Das seien die längsten stehenden Ovationen seines Lebens gewesen, begründet Tony Bonani Miyambo im Publikumsgespräch seinen Ausbruch. Dabei ist er mit dem Solo „Kafka’s Ape“ seit 15 Jahren unterwegs und schon deshalb die Ausnahme von einer Regel beim Festival Theater der Welt in Chemnitz, das ansonsten erklärtermaßen ganz neue und frische Produktionen eingeladen hatte.
Miyambo indes kehrte jetzt, nur eine Woche nach seinen beiden Auftritten im Chemnitzer Spinnbau, mit seinem überwältigend dichten wie intensiven Ambivalenzenspiel dorthin zurück, wo es 2011 begann: zum National Arts Festival in Makhanda. Was zunächst, in Südafrika, ein Flop zu werden drohte, führte Miyambo inzwischen zu Fringe-Festivals in Amsterdam, Adelaide, Perth oder Edinburgh. Er gastierte mit dem Solo für jeweils hundert Zuschauer in New York und in Oakland, einem Hotspot der „Black Lives Matter“-Bewegung, ebenso wie an der Gedenkstätte für den Völkermord in Ruanda oder im Kafka-Museum Prag. Erst im vergangenen Dezember trat er damit erstmals in Österreich auf, im Ateliertheater Wien. Und nun also, endlich, auch in Deutschland.
Man fragt sich zwangsläufig: Wie kann das sein?! Immerhin adaptierten hier ein Schauspieler und ein Regisseur aus Johannesburg, Tony Bonani Miyambo und Phala Ookeditse Phala, in ihrer Theater-Company Noma Yini einen berühmten Text von Franz Kafka: „Ein Bericht für eine Akademie“ von 1917, worin ein Affe, in dieser Fassung, von Tansania nach Johannesburg verschleppt wird, um dann doch nicht im Zoo zu landen, sondern, unter dem Namen Rotpeter, ein Star des Varietés zu werden.
Was Miyambo daraus macht, ist und bleibt eine heikle Angelegenheit, insbesondere bei Auftritten vor einer weißen Mehrheitsgesellschaft. Ein Schwarzer macht uns darin gleichsam den Affen. Er bedient eine rassistische Zuschreibung, indem er sie zugleich konterkariert. Und ein Mensch, ganz gleich, welcher Hautfarbe, folgt widerstrebend dem Ruf: Entdecke hier das Tier in dir!
Doch die Menschwerdung des Affen betrifft uns schließlich, Darwin sei Dank, alle gleichermaßen. Und damit auch, das ist eine von mehreren Ebenen dieses Abends, die Frage: What’s the identity of an evolving man? Darum geht es, ausweislich des hochformatigen Aufstellers hinterm Notenpult, bei dieser „Species of the world-Conference“, zu der wir, als deren Teilnehmer, gebeten sind.
Und dann erscheint der Referent aus der Dunkelheit. Grunzend und schnaubend betritt Rotpeter, gebeugt am Gehstock sowie mit dicker Aktentasche, sein Podium: im dunklen Zweiteiler, die Hosen aufgekrempelt, zum roten Hemd die schwarze Fliege. Dann holt er Schwung. Und schwingt sich auf – um aus der Hocke in den halbwegs aufrechten Gang hinterm Pult zu gelangen. Dort kämpft, im mehrfach unterbrochenen Redefluss, der Menschenaffe mit dem Affenmenschen, das Humanoide mit dem Animalischen. Daraus gerinnt ein schillerndes Spiel, das das Primat des Primaten seziert.
Die alte Affenwahrheit, heißt es bei Kafka, kann dieser an die Menschenwelt angepasste Rotpeter nicht mehr erreichen. Miyambo sagt’s und setzt seine Figur in seinem extrem körperlichen Theater zugleich in Widerspruch dazu. Einem Tourette-Syndrom nicht unähnlich, durchbricht die Natur die Zivilisation. Kreisch- und Schreilaute durchsetzen den Vortrag, die Mundpartie und insbesondere die Zunge in deren Mitte sind nur mühsam unter Kontrolle zu bringen. Zwischendurch: routiniert absolvierte Körperpflege mit Desinfektionsseife aus der Aktentasche.
Allerdings vermeidet es Miyambo konsequent, mit den Augen zu rollen – anders als vor rund dreißig Jahren Willem Dafoe, der damals mit der New Yorker Wooster Group unter Elizabeth LeCompte Eugene O’Neills „The Hairy Ape“ adaptierte. Darin wird ein Mensch, der Schiffsheizer Yank, zum Affen degradiert, Kafkas Affe indes befördert sich, aus der Not heraus, zum Menschen.
Was Miyambo daraus auf der Bühne macht, ist ein, wohl ganz in des Autors Sinne, universelles Gleichnis zu Domestizierung und Assimilation. Es betrifft das Verhältnis des Menschen zu sich selbst und seinesgleichen ebenso wie jenes zur Natur. Und wenn ein Theaterabend jemals das Prinzip der Selbstermächtigung durchbuchstabiert haben sollte, dann dieser: indem Schwarze Südafrikaner mit einem kanonischen Text der europäischen Literatur die Hegemonie des Westens bloßstellen und sich die rassistische Zuschreibung des Äffischen zu eigen machen, um sie gegen Rassismus zu wenden.
Einmal empfiehlt sich Miyambos Rotpeter seinem Publikum als zuverlässiger Kammerjäger. Er pult Zuschauern „Flöhe“ aus den Haaren, um sie zu vernichten. Entdecke das Tier auf dir, sozusagen. Unterm Fell der Nachahmung und Anpassung, soll das wohl heißen, juckt es einen jeden.
Aus dem fernen Johannesburg kommend, hat uns hier ein Schauspieler einen scheinbar vertrauten Text so nahegebracht wie kaum jemand zuvor. Chemnitz sollte bestenfalls zum Ausgangspunkt einer ausgiebigen Deutschland-Tournee werden. Ganz frisch vom National Arts Festival in Makhanda kommt unterdessen eine neue Produktion nach Deutschland, die Miyambos Regisseur Phala Ookeditse Phala soeben mit dem Choreografen Vusi Mdoyi produzierte: Ihr Tanz- und Theaterstück „Izithukuthuku“ über entfremdete Arbeit ist Ende August auf dem Kunstfest Weimar zu sehen.
Erschienen am 30.6.2026



















