Von der Repräsentation des Fremden bis zum Eigensinn der Mittel
Neun Argumente für eine Figurentheaterpädagogik
Die Pädagogin und Theaterwissenschaftlerin Laurette Burgholzer befasst sich mit der Frage, welche Besonderheiten Figurentheater zu einem wichtigen Kunstmittel der Pädagogik machen, um Kindern und Jugendlichen gesellschaftliche Aushandlungen zugänglich und begreifbar zu machen, gerade in Zeiten von Krisen und Ohnmachtsgefühlen.
Figurentheater-Workshop, Universität Paris VIII.Foto: Laurette Burgholzer
Nahtstellen zwischen Theaterpraxis und Pädagogik sind, historisch betrachtet, keine Neuerscheinung: Gelehrtentheater der Renaissance, Jesuitendrama, Theater als Sittenschule, Brecht’sche Lehrstücke usw. bilden in Europa ein Substrat für gegenwärtige Denkweisen und Methoden, Theater als Mittel der Erziehung, der Sozialisierung oder Bildung einzusetzen. Während im 20. Jahrhundert etwa im anglophonen Raum ein „applied theatre“ und in Frankreich „actions culturelles“ institutionalisiert wurden, hat sich insbesondere in Deutschland die Theaterpädagogik entwickelt.
Zwischen ‚Nischen‘-Dasein und dem Risiko der pädagogischen Verwertung
Vor diesem Hintergrund ist Figurentheaterpädagogik als Praxis zwar verbreitet, doch institutionell kaum gefestigt. Sie lässt außerhalb konventioneller Theaterräume Personen teilhaben, die aus unterschiedlichen Gründen kaum Zugang zu professionellen Theateraktivitäten haben. Ihr Zielpublikum sowie ihre Ausbildungswege, Einsatzgebiete und Methoden sind so heterogen wie die Praktiken, die zu ihren Wahlverwandtschaften zählen oder von denen sie sich abzugrenzen sucht: Laientheater, Schultheater, Theatervermittlung, Freizeitbetreuung, Therapie und Heilpädagogik, Sozialarbeit, Erwachsenenbildung, Personalentwicklung etc. Zuweilen wird Figurentheaterpädagogik als Unterkategorie der Theaterpä-dagogik verstanden, entsprechend der Tendenz, Figurentheater als künstlerisch-kulturelle Nische innerhalb der ‚großen‘ Nische des (an kulturpolitischer Unterstützung einbüßenden) Schauspieltheaters zu betrachten. Diese Nischenbau- und Etikettierungseuphorie folgt einer kapitalistischen Marktlogik, denn was nicht als eigenständiges Produkt als Beleg einer Daseinsberechtigung benannt und kategorisiert werden kann, gilt als inexistent oder wertlos. Zugleich ist es nicht...
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