Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Bye, Bye, Europe (02/2019)

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Seit zwei Jahren kursiert im Internet ein Video mit einem kurzen Ausschnitt aus Monty Pythons „Das Leben des Brian“, allerdings mit anderem Text. Man sieht John Cleese, Michael Palin und all die anderen in schwarzen Kutten in einer Hütte sitzen und debattieren. Doch anstatt über die Unterwanderung des Römischen Reichs zu sprechen, geht es laut neuen Untertiteln um die Europäische Union. „Was hat die EU je für uns getan?“, fragt Cleese in die grummelnde Menge. Die Antworten kommen zaghaft, doch die Liste wird immer länger: „Ökonomische Stabilität, Umweltschutz, Arbeiterrechte, Frieden …“ Damals schaute man noch spöttelnd auf den per Volksentscheid initiierten Brexit. Zwei Jahre später jedoch ist selbst den bösesten Satirikern der Insel das Lachen vergangen: „Der Brexit ist einfach nicht lustig“, wetterte Michael Palin jüngst in einem Interview.

Über den Brexit zu schreiben, erklärt das deutsch-britische Performancekollektiv Gob Squad in unserem Schwerpunkt, fühle sich so an, als würde man gegen Windmühlen kämpfen. Der Zeitpunkt des EU-Austritts rückt näher, und doch weiß niemand genau, wie die Ehe zwischen Insel und Festland geschieden werden soll, zumal am 15. Januar das britische Parlament Theresa Mays Brexit-Vertrag mit großer Mehrheit ablehnte. Wir haben Künstler aus dem UK gefragt, wie sie die derzeitige politische Situation einschätzen. Geantwortet haben neben Gob Squad auch der britische Regisseur Robert Icke, der derzeit in Stuttgart und Basel große Erfolge feiert, sowie der Künstlerische Leiter der britischen Performancegruppe Forced Entertainment Tim Etchells. Deutlich in ihren Texten werden die große Erschöpfung angesichts des politischen Desasters in Westminster, aber auch der unbedingte Wille, das jeweilige künstlerische Programm nicht aufzugeben. Weltläufigkeit und der Blick auf die lokalen gesellschaftlichen Verwerfungen schließen sich dabei nicht aus. Über Letzteres sprechen auch Walter Meierjohann, ehemaliger Intendant am HOME Theatre in Manchester, und Peter M. Boenisch, der in London Theaterwissenschaft lehrt. Angegliedert an diesen Schwerpunkt ist das Künstlerinsert über das Londoner Recherche- und Künstlerkollektiv Forensic Architecture in diesem Heft. Unter der Leitung von Eyal Weizman untersucht die Gruppe seit 2011 mit den Möglichkeiten der Architektur und der Medienanalyse Menschenrechtsverletzungen und staatliche Desinformation, so unter anderem den Fall des Verfassungsschutzmitarbeiters Andreas Temme, der in dem Kasseler Internetcafé saß, in dem 2006 Halit Yozgat vom sogenannten NSU erschossen wurde. Ein Mord, von dem Temme nichts mitbekommen haben will.

Um die Verschwisterung von Politik und Kunst geht es auch in Gunnar Deckers Reportage aus Schwerin. Am Mecklenburgischen Staatstheater ist die Stimmung schlecht wie nie. Wenngleich zunächst Entspannung herrschte, als „Sparminister“ Mathias Brodkorb unter der neuen Ministerpräsidentin Manuela Schwesig aus dem Kultur- in das Finanzressort wechselte, scheinen Zahlen nach wie vor das ausschlaggebende Argument am Haus zu sein. Intendant Lars Tietje, unter Brodkorb 2016 ins Amt gehoben, wird vorgeworfen, das Theater mit unglücklicher Hand sanieren zu wollen. Um dies durchzusetzen, sorge er für ein Klima der Angst und Unterdrückung. Gunnar Decker hat mit den Beteiligten dieses Theaterstreits gesprochen.

Wesentlich erfreulicher liefen in den vergangenen Monaten die Starts der neuen Intendanzen am Festspielhaus Hellerau in Dresden und an der Kaserne Basel ab. Während Carena Schlewitt, die ehemalige Intendantin der Kaserne Basel, als Leiterin des Festspielhauses in Hellerau für Perspektiverweiterungen sorgt, unter anderem mit einem Festival für polnisches Theater, sucht Sandro Lunin an der Kaserne einen Nord-Süd-Dialog zu etablieren. „Lust am Widerspruch“ lautet dabei der Titel eines seiner Schwerpunkte.

Mit unserem Stückabdruck „heiner 1– 4 (engel fliegend, abgelauscht)“ von Fritz Kater erinnern wir an Heiner Müller, dessen Geburtstag sich am 9. Januar zum 90. Mal jährte. Thomas Irmer sprach mit dem Philosophen Marcus Steinweg über die philosophische Dimension von Müllers Schaffen. „Wenn es eine Moral des Denkens gibt“, sagt Steinweg, „dann liegt sie nicht in moralischer Verklärung, sondern im Bemühen um Klarheit, was das Verständnis des Wirklichen, seine Analyse und politische Gestaltung betrifft.“ Eine Aussage, die wir mit den besten Grüßen in Richtung London adressieren.

Besonders freuen wir uns, mit der Februarausgabe 2019 Anja Nioduschewski als neue Redakteurin von Theater der Zeit begrüßen zu dürfen. //

Die Redaktion

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