Bühne und Film
Ihre Eigenart und ihre Begrenzung
von Sergej Obraszow
Erschienen in: Theater der Zeit: Theaterwissenschaft – Wissenschaft vom Leben (01/1948)
In den folgenden Betrachtungen will ich mich auf eine Einzelfrage beschränken, die mir jedoch sehr wichtig erscheint, die Frage nach den Grenzen von Art und Form der Schauspielkunst auf der Bühne und im Film.
Gibt es solche Grenzen? Wie unterscheidet sich die Lösung ein und derselben künstlerischen Aufgabe durch Theater und Film? Wozu verpflichten diese Unterschiede den Künstler? Wie lassen sich diese besonderen, jeder Kunstart eigenen, unübertragbaren Darstellungsmöglichkeiten besonders gut, eingehend, klar und wirksam anwenden?
Die genaue Abgrenzung der verschiedenen Arten der schauspielerischen Künste hat, wie mir scheint, nicht nur theoretischen, sondern auch rein praktischen Sinn, weil sie zur Klarsteilung der besonderen Ausdrucksmittel jeder von ihnen und infolgedessen auch ihrer Funktionen beiträgt.
Alle Kunstwerke lassen sich streng in zwei Gruppen teilen. Zur ersten gehören die bildenden Künste, wie Malerei, Graphik, Bildhauerei, Architektur und die um diese sich gruppierenden angewandten Künste. Zur zweiten Gruppe gehören Kunstwerke, die vor allem einen Entwicklungsgang, ein Geschehen, wiedergeben. Das ist die Musik, sind alle Arten des Schauspiels und der Literatur.
Ungeachtet dessen, daß mit der Entstehung der Schrift die Literatur die Möglichkeit erhielt, zu einer dauernden Existenz im Stein, Papyrus oder Buch zu kommen, hörte sie nicht auf, eine Kunst der Handlung, eine temporäre Kunst...

















