Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Am Nullpunkt – Alain Badiou, Philippe Quesne, Joël Pommerat, Du Zieu (01/2016)
Ich möchte heute Abend darüber sprechen, was am Freitag, dem 13. November, passiert ist. Was uns passiert ist, dieser Stadt, diesem Land, letztendlich der Welt, in der wir leben.“ Mit diesen Sätzen begann nur zehn Tage nach den Anschlägen in Paris eine Rede des französischen Philosophen Alain Badiou im La Commune – Centre dramatique national in Aubervilliers im Norden von Paris. Es war eine Rede, die der Angst und dem Schrecken, dem „Gefühl der unzumutbaren Ausnahme von der Alltagsordnung“ Raum gab. Vor allem aber daran appellierte, diesen Raum nicht denjenigen zu überlassen, die ihn sich zunutze machen: dem Staat, identitären Bewegungen, Rächern im Namen einer zweifelhaften Subjektivität. Im Versuch, „das, was geschehen ist, zu denken“, um „sich gegen das zu wehren, was man als undenkbar deklariert“, wie Badiou sagt, veröffentlichen wir Auszüge aus seiner Rede und lassen unsere Paris-Korrespondentin Lena Schneider zu Wort kommen, die mit den Theatermachern Philippe Quesne, Joël Pommerat und der Compagnie Du Zieu über gefährliche Kriegsrhetorik, Nationalismus und den Mut zur Selbstbefragung sprach.
Indes: „Die meisten tanzen weiter auf dem Vulkan.“ Diese grimmige Diagnose stellt unser Kolumnist Josef Bierbichler angesichts der offiziell als erfolgreich deklarierten Klimakonferenz in Paris. Warum? Weil die wenigsten momentan kritisieren, was im Hintergrund unbeirrt weiterwirkt. „Den roten Faden“ nennt der Berliner Soziologe Wolfgang Engler dieses Dahinter und erklärt im Gespräch mit Holger Teschke: Immer wieder gerate der rote Faden, der sich durch all diese Krisen ziehe, aus dem Blickfeld: das neoliberale Regime der westlichen Eliten in Wirtschaft und Politik. Nur in diesem Kontext lasse sich die Zunahme von Frustration, Hass und Gewalt angemessen diskutieren.
Die Bühnenbilder von Bettina Pommer, die wir im Künstlerinsert zeigen, scheinen ein Sinnbild dieser Dynamik zu sein. Für Siegfried Lenz’ „Deutschstunde“ in der Inszenierung von Johan Simons am Thalia Theater Hamburg entwarf sie eine hölzerne Spielfläche aus verschiedenen Schrägen, die zu allem Übel irgendwann auch noch anfangen zu kippen. „Die Geschichte“, sagt Pommer im Gespräch mit Gunnar Decker, „übt auf die handelnden Personen einen starken Druck aus, den wollte ich spürbar werden lassen. Mir ging es um den Körper, der sich an etwas abarbeiten muss, sich mit aller Kraft gegen einen starken Widerstand, den Raum, stemmen muss, um nicht unterzugehen.“
Darum geht es. Nicht unterzugehen. Widerstand zu leisten gegen Gewalt, Hass, Vereinnahmung. Um diesen Punkt kreist auch das Stück „Gott wartet an der Haltestelle“ der israelischen Dramatikerin Maya Arad, das wir in diesem Heft veröffentlichen. Es rekonstruiert die Geschichte eines Selbstmordattentats in einem israelischen Restaurant, beschreibt die Verstrickungen einer jungen israelischen Soldatin an einem Checkpoint mit der palästinensischen Attentäterin. „In Situationen, wo es um das Überleben geht, sind Empathie und Menschenrechte weniger wichtig oder präsent in den Gedanken der Menschen“, sagt Arad im Gespräch mit Mehdi Moradpour. Und doch ist es genau dies, worauf das Theater immer wieder verweist. Am Volkstheater Wien, wo die neue Intendantin Anna Badora Maya Arads Stück zur deutschsprachigen Erstaufführung bringen ließ, aber auch in Israel selbst, wie Kerstin Car vom Festival International Exposure of Israeli Theatre in Tel Aviv berichtet.
„Ein Träumer geht.“ Mit Luc Bondy hat sich Ende November einer der großen Liebenden des Theaters von der Bühne verabschiedet. Viel zu früh. Mit nur 67 Jahren. Lena Schneider gedenkt des Regisseurs und Leiters des Pariser Odéon-Théâtre de l’Europe. „Was ihn interessierte“, schreibt sie, „das waren die alles umspannenden Themen. Die Liebe. Der Trieb. Die Vergänglichkeit. Der Tod. (…) Er suchte den Menschen, das, was ihn als solchen ausmacht. Er hätte vermutlich keine Scheu gehabt, es ,Seele‘ zu nennen.“ //
Die Redaktion
















