Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Ein neues Stück zum Krieg? – Vorabdruck Biljana Srbljanović (05/1999)
"Nennen wir es mal Krieg" (Rudolf Scharping, Verteidigungsminister): Panta rhei, sagten die alten Griechen, alles fließt - uns fließt die Zeit weg. Die "events" jagen einander, man kann sie nicht mehr greifen, geschweige begreifen. Haben wir soeben noch Christoph Schlingensiefs Ausrufung der "Berliner Republik" zu erfassen versucht, hat der medienabhängige Initiator - bei Redaktionsschluß - schon das Handtuch geworfen, allen gedankt, die "ihre Geduld mit ihm verloren " hätten. Nun kann man sich ein Theater ohne Schlingensief notfalls vorstellen, aber kann man sich ein (Bundes)Land ohne Theater vorstellen? Einige offenbar schon. Wir können nur warnen, die Situation (des heutigen Tages) reflektieren, Stimmen der BetroffeOnen sammeln: was einem "Kulturminister", was gestreßten Kommunalpolitikern dazu noch einfallen wird, das wissen wir (heute noch) nicht.
Der Nato-Einsatz in Jugoslawien geht - bei Redaktionsschluß - in die fünfte Woche, ein Ende ist jedoch nicht abzusehen. Die abendlichen Fernsehbilder betrachtet man von Tag zu Tag ungerührter, während inzwischen "Krieg" genannt wird, was eben noch "Kampfeinsatz" hieß oder "Druckmittel" zur Lösung einer nicht gelösten politischen Aufgabe. Nun haben bekanntlich die Bomben der Alliierten im Zweiten Weltkrieg kein einziges KZ befreit, und die Bomben der Nato - die, beiseite gesprochen, mehr kosten als die gesamten Theater der Republik die Vertreibungen im Kosovo nicht gestoppt, eher angeheizt. Daß man nicht dulden könne, daß vor der eigenen Haustür ein "Wahnsinniger" Teile seines eigenen Volkes ausrotte, empören sich Politiker besonders gern. Ist es zynisch zu argwöhnen, der Akzent läge auf der "Haustür", und die Empörung wäre weniger eindrucksvoll, wenn - im Wortsinn, durchaus - "fernab in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen"? Geht es denn noch um die Verhinderung einer "humanitären Katastrophe", die längst eingetreten ist, oder nur noch um einen Machtkampf, der einen "Sieger" braucht, um zu enden? Macht und Geist, der scheinbar ewige Dualismus. Die vereinte Intelligenzija ist so zerstritten wie vereint in ihrer Ratlosigkeit, und die ehrlichsten geben ihre Ratlosigkeit zu. In dieser scheinbar ausweglosen Konstellation, erinnert uns Daniela Dahn (Berliner Zeitung, 17. /18 . April), ist es "höchst gefährlich, wenn Vernunft durch Moral ersetzt wird. Also Gesetze, Charten, Verträge, Verfassungen, Statuten - durch Empörung". Denn Moral wäre so ein merkwürdiges Ding, das "per Definitionshoheit" immer auf der eigenen Seite sei. Aber was wäre denn heute - und auch nach Redaktionsschluß - Vernunft? Die den Wahnsinn des - offenbar erfolglosen - Nato-Einsatzes ebenso stoppt wie das Verbrechen der "ethnischen Säuberung", die lange begann, bevor die Politik daran ging, ihre Schulaufgaben zu machen - bisher ebenso erfolglos.
Als "Theater der Zeit" vor genau sechs Jahren sein erstes Heft in neuer Herausgeberschaft, mit neuem Konzept als "Zeitschrift für Politik und Theater" auf den Markt brachte, enthielt es Goran Stefanovskis Stück "Sarajevo", und nicht, weil wir es für ein besonders exklusives Stück Literatur hielten. Die Zeit rennt. Heute erscheint es uns als ein Stück gutgemeinter Folklore, wenn wir es vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Ereignisse lesen. Vor einem Jahr entdeckten wir Biljana Srbljanovićs "Belgrader Trilogie", in Jugoslawien inzwischen verboten, in Deutschland bisher leider nur unzulänglich realisiert (siehe Seite 91): ein Exkurs über die innere Selbstzerstörung eines Volkes in Zeiten nationalistischer Amokläufe. Auf den folgenden Seiten drucken wir die erste Szene aus der Arbeitsfassung ihres neuesten Stücks ab - "Der Sturz". Die unausweichliche Perspektive, wenn "Vernunft" sie nicht verhindert, sind die "Verbrechen des einundzwanzigsten Jahrhunderts", Edward Bonds apokalyptisches Szenario. Womit wir unsere Leser nicht schocken wollen, allenfalls in ihrer Sensibilität schärfen. Nicht der hat unbedingt Recht, der am besten die "Moralkeule" schwingt (oder am abgebrühtesten die Videobilder getroffener "Kriegsziele" zelebriert) - und die menschliche Solidarität ist unteilbar: Sie hat den vertriebenen Kosovaren zu gelten wie der von einer skrupellosen Führung betrogenen und verhetzten serbischen Bevölkerung, die genauso zu den Verlierern in diesem "Krieg" gehören wird, und nicht mit den Mordbanden des "Tigers" Arkan identifiziert werden darf.
Politik ist die Kunst, Alternativen zu schaffen, Kunst kann solche Prozesse begleiten, durch Beobachtung, Beschreibung, Appelle, Visionen, auch durch Visionen des Grauens - die uns zu rechtzeitiger Umkehr und Einkehr gemahnen.
Die Redaktion
















