Theater der Zeit

Anzeige

Maxim Gorki Theater Berlin: Klage, Power, Trost

„Kassandra or Songs of the Canaries“ von Marta Górnicka und Ensemble – Regie und Konzept Marta Górnicka, Musik Marta Górnicka, Wojciech Frycz, Bühne Mirek Kaczmarek, Kostüme Pola Kardum, Choreographie Evelin Facchini

von Thomas Irmer

Assoziationen: Berlin Theaterkritiken Marta Górnicka Maxim Gorki Theater

Finale am Gorki: Mit „Kassandra or Songs of the Canaries“ setzt Marta Górnicka einen kraftvollen Schlusspunkt unter Shermin Langhoffs Intendanz – zwischen Chorwucht, Zeitdiagnose und dem Ruf nach Versöhnung.
Finale am Gorki: Mit „Kassandra or Songs of the Canaries“ setzt Marta Górnicka einen kraftvollen Schlusspunkt unter Shermin Langhoffs Intendanz – zwischen Chorwucht, Zeitdiagnose und dem Ruf nach Versöhnung.Foto: Magda Hueckel

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Es war die letzte Premiere der 13-jährigen Ära Shermin Langhoffs am Berliner Maxim Gorki Theater, wo das postmigrantische Theater zwar nicht erfunden, aber im Wesentlichen entwickelt und in seiner Vielfalt bis zu den Herkünften aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und dem zerfallenden Jugoslawien erweitert wurde. Marta Górnicka, die ab 2010 mit ihrem polnischen Frauenchor-Theater als international viel beachtetes Phänomen wirkte, kam 2017 dazu. Das Gorki wurde ihre deutsche Basisstation für mehrere Produktionen und insofern ist dieses Finale mit „Kassandra or Songs of the Canaries“ eine angemessene Position.

Im Titel steckt ein bedeutungsvoller Gegensatz. Während die Tochter des trojanischen Königs mit dem Segen und Fluch der ungehörten Weissagung zur Kriegsbeute wird, warnten Kanarienvögel früher die Bergleute unter Tage vor giftigen Gasen und retteten deren Leben, indem sie starben. Zum Kassandra-Motiv gehört auch die Eröffnung mit der Erinnerung an Jan Karski, der im Juli 1943 als Augenzeuge die US-Regierung mit seinem Bericht über den Holocaust in Osteuropa zu einem raschen Eintritt in den Zweiten Weltkrieg bewegen wollte – vergeblich.  

In der für Górnicka typischen Montage schroff aneinander gestellter Texte und Themenkomplexe steht dem eine lange Liste von deutschen Kultureinrichtungen gegenüber, die Stimmen des Protests gecancelt hätten (oder haben), darunter die documenta, die Akademie der Künste, die Volksbühne und auch das Maxim Gorki Theater selbst. Worum genau es dabei ging, erfährt man nicht, aber diese Liste erinnert an eine berüchtigte internationale Anschwärzungs- und Boykottkampagne nach den Diskussionen um die documenta fifteen im Jahr 2022. Mit ungehörten Weissagungen oder lebensrettenden Warnungen hat das nichts zu tun. Eher wird hier zwischen beidem eine dritte Sache dazwischen angesprochen, der Kampf um Meinungsfreiheit und die Widersprüche staatlich geförderter Institutionen dabei. Spezialist Wolfram Weimer wird dankenswerterweise nicht extra genannt, steht aber selbstverständlich mit im Raum.  

Die Bühne von Mirek Kaczmarek ist hauptsächlich ein großes hellhölzernes Podest beschmiert mit roter Farbe in der Art von Graffiti: „Idiots“ steht da, dazu wohl eine wie schnell hingemalte Trump-Krone. Dem Chor aus mehrheitlich, aber nicht ausschließlich Frauen gehören auch drei Kinder an, Spielerinnen vom Theater Thikwa und Männer unterschiedlicher Hautfarbe und Herkunft. Demonstrative Diversität war von Anfang an ein Markenzeichen der Górnicka-Chöre.

Der Abend ist in Temperatur und Thematik in drei Abschnitte gegliedert, die sich von einer offensiven Widerspruchszusammenballung der Konfrontation gegen alles, was nicht zur eigenen Haltung passt, hin zu einem Wunsch nach Entpolarisierung von gegnerischen Positionen entwickeln. Das ist auch in den Formationen zu erkennen: Wird im ersten Teil in Momenten sogar Schleef-mäßig marschiert und geschrien, sieht man gegen Ende, auch dank der sehr farbigen Kostüme von Pola Kardum, wunderbar komponierte Gruppenbilder von Gemeinschaft und Harmonie, während die Gesänge bis ins Religiöse reichen.    

Dazwischen unterhalten sich die acht- bis zehnjährigen Kinder in einer längeren, so witzigen wie bewegenden Szene in der Mitte der Bühne über Kassandra, Kapitalismus und die Apokalypse im hochtrabenden Vokabular elaborierter Kulturdiskurse, als wären sie in einem Doktorandenseminar.

Die Entpolarisierung wird mit einem naiv-freundlichen „We need to warm our hearts“ in eine klar formulierte Botschaft der Heilung gebracht, bevor am Ende im Sturm von zwei mächtigen Hochleistungsventilatoren alles ins Black und in den Jubel des Publikums braust.

Erschienen am 22.4.2026

teilen:

Assoziationen

Neuerscheinungen im Verlag

Theater der Zeit Cover Mai 2026 – Florentina Holzinger

Anzeige