Laudatio
Theater des Ungehorsams
Laudatio zum ITI-Preis 2026 an Nicoleta Esinencu
Assoziationen: International Dossier: Festivals Nicoleta Esinencu

Sehr geehrte Damen und Herren,
Nicoleta Esinencu war sieben Jahre alt, als Michail Gorbatschow Glasnost und Perestroika versprach. Sie war 13, als das Ende der Sowjetunion vom Chaos der postsowjetischen Zeit abgelöst wurde und Hoffnung auf eine Zukunft machte, die nie kam.
Seit rund zwanzig Jahren antwortet die Autorin, Regisseurin und Performerin mit ihren Arbeiten auf den Schock dieses sozioökonomischen Zusammenbruchs und seine verheerenden Folgen nicht nur für die moldauische Bevölkerung. Aus der Perspektive ihrer Generation dokumentiert sie die existenziellen Kämpfe der Menschen in einem Land, das zwischen den Dynamiken der zerfallenden Ordnung des Kalten Krieges und sich neuformierenden Machtgefügen zerrieben zu werden droht.
So etwa in der Inszenierung „American Dream“ (2014), die das Ankommen in der neuen Realität des Turbokapitalismus als brutalen Prozess der Desillusionierung zeichnet. Protagonistin ist eine Kunststudentin aus Chişinău, die an einem Work-and-Travel-Programm in den USA teilnimmt. Ihre Eltern verschulden sich, um der Tochter den Auslandsaufenthalt zu ermöglichen. Angekommen in den USA, entpuppt sich das Programm als betrügerisches Geschäftsmodell, um billige Arbeitskräfte abzuzocken. Nach Abzug der Kosten für Unterkunft und Verpflegung bleibt nichts übrig, um die Schulden zurückzuzahlen. Mutter und Tochter verdingen sich daraufhin als illegale Arbeiter*innen auf Baustellen in Moskau, wo ihre Lage skrupellos ausgenutzt wird. – Die erschütternde Geschichte basiert auf den Erfahrungen der Performerin Tatiana Miron. Ausgestellt werden Ausbeutungserfahrungen, die zeigen, dass in beiden Welten, Ost wie West, das Gesetz des Stärkeren gilt. Ausschnitte aus Politikerreden, Versatzstücke aus Medienpropaganda und weitere dokumentarische Elemente werden als Monopoly-Spiel in Szene gesetzt, in dem die Würfel über die Annexion der Krim ebenso entscheiden wie der Ausverkauf weiterer Länder. Während die Versprechungen des American Way of Life immer weiter Freiheit, Wohlstand und Pursuit of Happiness für alle predigen, kann Putin die Macht in seinem Reich ausbauen.
An diesem Beispiel wird deutlich, wie die Arbeiten von Nicoleta Esinencu zu einer der zentralen transnationalen Debatten der Gegenwart beitragen. Bemerkenswert ist außerdem, dass sie in „American Dream“ unmittelbar zu den völkerrechtswidrigen Angriffen Russlands auf die Ukraine und andere ehemalige Sowjetrepubliken Stellung bezieht.
Wie allgemein bekannt, waren die offizielle Haltung und die öffentliche Meinung zu diesem Thema hierzulande lange Zeit von Fehleinschätzungen geprägt. Esinencus Stück macht nachvollziehbar, warum die deutsche Position aus Perspektive eines postsowjetischen Landes widersprüchlich und opportunistisch erscheint.
Das unverblümte Benennen solch unangenehmer Wahrheiten zeichnet Nicoleta Esinencu aus und macht sie zu einer wichtigen Stimme im europäischen Theater. Ihre viel diskutierten Texte und Theaterprojekte verdeutlichen auf schmerzhafte Weise, wie stark historische Konflikte und vor allem die Kriege des 20. Jahrhunderts bis in unsere Gegenwart nachwirken. Und wie sehr, häufig ohne uns dessen bewusst zu sein, die dominanten Narrative und entsprechende Vorurteile in den politischen Einflusssphären unseren Blick auf die Realität verstellen.
In ihrer Heimat fühlen sich besonders konservative, nationalistische und religiöse Gruppen und Akteure durch die Arbeiten der Dramatikerin und Regisseurin provoziert und angegriffen. Esinencu thematisiert häufig Tabuthemen wie Homosexualität, Patriarchat oder die mangelnde Aufarbeitung des Holocausts in Moldau und übt Kritik an der orthodoxen Kirche. Dies führte zu massiven Anfeindungen von orthodoxen Geistlichen und traditionalistischen Kräften. Insbesondere ihr Debüt, der wütende Monolog „FUCK YOU, Eu.ro.Pa!“ aus dem Jahr 2005, der die moldauische Lebensrealität einer jungen Frau mit dem idealisierten Bild vom Westen konfrontiert, löste heftige politische Debatten aus. Aber auch mit ihrer Kritik an Westeuropa eckte sie bei den Befürwortern einer neoliberalen Transformationspolitik an.
Vor diesem Hintergrund gründete sie zusammen mit zwei Kolleg*innen 2010 das Kollektiv teatru-spălătorie aus dem Bedürfnis, einen unabhängigen Kulturort in Chisinau zu schaffen, an dem Künstler*innen und ein überwiegend junges Publikum sich über die politischen und sozialen Entwicklungen in ihrem Land und in Europa austauschen können. Heute gehören zum teatru- spălătorie neben Nicoleta Esinencu Doriana Talmazan, Artiom Zavadovsky, Kira Semionov und Nora Dorogan. Die ehemalige Wäscherei, in der das Theater seinen Sitz hatte, wurde inzwischen abgerissen, sodass die Gruppe heute ein nomadisches Leben zwischen Chisinau und Berlin führt, wo das HAU Hebbel am Ufer seit 2012 die Arbeiten des Kollektivs regelmäßig unterstützt. Zuletzt entstand in dieser Zusammenarbeit eine Trilogie, die „Sinfonie des Fortschritts“ (2022), „Playing on Nerves. A Punk Dream“ (2023) und „Dirty Laundry. The TrashOpera“ (2025) umfasst.
Als verbindendes Element dieser Trilogie kommen Maschinenräume auf die Bühne, laut bis über die Schmerzgrenze hinaus, in denen die Performer*innen im treibenden Rhythmus der Maschinen agieren, bohren, tanzen, werkeln und Botschaften aus dem Untergrund der modernen Arbeitssklaven des 21. Jahrhunderts senden, streng, erhaben und bedrohlich, als wären sie die Vorhut eines kommenden Aufstands.
Sie machen nicht nur unmissverständlich auf die ausbeuterischen Verhältnisse aufmerksam, unter denen sich osteuropäische Arbeitsmigrant*innen in Westeuropa, sei es in der Logistikbranche, der Fleischindustrie, der Landwirtschaft oder der Tourismusindustrie, verdingen – überall dort, wo skrupellose Subunternehmer und kapitalistisches Gewinnstreben die Gesetzeslücken ausnutzen. – Sie zeigen außerdem, wie der Konsumismus des westlichen Lebensstils auf diesen Ausbeutungsverhältnissen basiert und dazu beiträgt, sie zu verschleiern.
Mit teatru-spălătorie ist es Nicoleta Esinencu gelungen, eine eigene radikale Bühnensprache zu entwickeln. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie die eigene künstlerische Arbeit als Teil der Missstände und Konflikte begreift, die auf der Bühne zur Sprache kommen. Sie stellt sich und das Theater nicht außerhalb, nimmt keine scheinbar unbeteiligte, beobachtende Position ein, sondern begibt sich mitten ins Herz der schreienden Ungerechtigkeiten, schmerzhaft, laut, unangepasst, unvermittelt, unversöhnlich.
In den Shows des teatru-spălătorie wird man kein Als-ob finden, keine Darbietung, die es den Zuschauer*innen ermöglicht, die Kunst zu genießen und anschließend im Foyer bei einem Gläschen Schaumwein gepflegt über die multiplen Krisen unserer Gegenwart zu plaudern.
Nicoleta Esinencus Theater ist ein Theater der Ungehorsamkeit. Es schlägt ästhetisches Kapital aus der kognitiven Dissonanz, die sich im Bewusstsein regt, wenn wir daran erinnert werden, dass unser Wohlstand, unser Konsum, unsere Sicherheit einen Preis haben, für den andere zahlen müssen. Diese Dissonanz ist ein äußerst unangenehmer, beunruhigender Zustand. Er entsteht, wenn unsere Wahrnehmungen und unser Handeln nicht übereinstimmen mit unseren Überzeugungen und Werten, unserem Selbstbild.
In diesem Sinne entziehen sich die Performer*innen in den Inszenierungen des teatru-spălătorie jeglicher Konsumierbarkeit – sie erbringen keine Leistungen, die aus dem Publikum heraus angeeignet werden könnten, nichts, worüber wir verfügen könnten.
Darum wirken die Performances schroff, abweisend, ungefällig. Genau dafür lieben wir sie.
Herzlichen Glückwunsch zum Theaterpreis des ITI!
Der ITI-Preis ist eine Auszeichnung des Internationalen Theaterinstituts (ITI) – Zentrum Deutschland. Er wird seit 1985 durch die Mitgliedschaft des ITI Deutschland vergeben und würdigt Theaterkünstler*innen und Kollektive, die mit ihrer Arbeit den internationalen kulturellen Austausch fördern und sich in besonderer Weise für die Darstellenden Künste engagieren.
Erschienen am 29.6.2026




















