Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Edgar Selge: Der helle Wahnsinn (01/2019)

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Eine Frau tippt hektisch eine Nachricht in ihr Smartphone. Schon wenige Sekunden später erscheint die Antwort auf ihrem Bildschirm. Es geht um ihren Sohn, im Gespräch ist sie mit ihrem Mann, aber wirklich geredet haben die beiden schon lange nicht mehr. Die Ehe zwischen Nora und Torwald findet in Timofej Kuljabins Inszenierung von „Nora oder Ein Puppenhaus“ am Schauspielhaus Zürich vornehmlich über WhatsApp oder Facebook statt. Die Blicke starr auf die kleinen Bildschirme gerichtet, verhandeln die Menschen ihr Leben, ohne sich real gegenüberzustehen. Für Schauspielerlegende Jürgen Holtz sind das Bilder einer fortschreitenden Versklavung des Einzelnen, wie er im Gespräch mit Gunnar Decker erklärt. „Eine kafkaeske Situation, in der die Menschen nicht einmal bemerken, dass sie immer unfreier werden.“ Zum dreihundertsten Mal stand Holtz am 28. Dezember 2018 als Bettlerkönig Peachum in Robert Wilsons „Dreigroschenoper“ auf der Bühne des Berliner Ensembles. Der Satz „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ ist für ihn nach wie vor zentral. Wir seien nicht nur dazu da, zwischen Produkten, die man uns vorsetzt, zu wählen, sagt er, „sondern können selbst etwas erschaffen. Dazu brauchen wir Fantasie und Zeit. Das also, wovon die Kunst lebt.“

Die Januarausgabe von Theater der Zeit ist eine Ausgabe, die auf vielfältigste Art die Kraft des Theaters beschreibt. Als Befreiung des Individuums durch das Spiel. Das Gefängnis, also das, aus dem es sich zu befreien gilt, ist für den großen Schauspieler Edgar Selge – er selbst wuchs als Sohn eines Gefängnisdirektors auf – eine Metapher für die menschliche Existenz schlechthin. „Eingesperrt sind wir alle“, schreibt Gunnar Decker in seinem Porträt, „in unseren sterblichen Körper sowieso, aber auch in unsere Träume und Erinnerungen, schlimmer noch: Ängste.“ Revolte oder Resignation? Selge suche immer ein Drittes. Dies präge sein Spiel auf der Bühne. Als König Lear ist er derzeit in der Regie von Karin Beier am Schauspielhaus Hamburg zu sehen. Dort stand er auch als François in Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ auf der Bühne, oder besser gesagt: kämpfte sich in einem mannshohen rotierenden Kreuz von Plateau zu Plateau. Das Bühnenbild zu dieser Inszenierung stammt von Olaf Altmann, dem wir in diesem Heft unser Künstlerinsert widmen.

Die digitale Ausgabe im Original-Layout

Die Vielfalt von Autoren-, Schauspieler- und Regietheater zeigt der neue Intendant des Schauspiels Stuttgart Burkhard C. Kosminski. Während sein Vorgänger Armin Petras das Who’s who deutschsprachiger Regisseure aufgefahren habe, so unser Korrespondent Otto Paul Burkhardt, stelle sich Kosminski mit Robert Icke, Oliver Frljić (der ein Europa-Ensemble gründen wird), Mateja Koležnik, Milo Rau und Calixto Bieito internationaler auf. Der Akzent liege zudem in zehn von 24 Premieren auf Texten lebender Autoren. Der Bergarbeiter in Sachen Romanadaptionen, Johan Simons, steckt das Feld seiner Premieren bei seinem Start am Schauspielhaus Bochum anders ab: Angefangen bei seiner eigenen Inszenierung „Die Jüdin von Toledo“ bis hin zu Lies Pauwels’ „Der Hamiltonkomplex“ suche er die goldene Mitte zwischen Ensembletheater, Performance und Diskurs, wie Martin Krumbholz berichtet.

Mit unserem Stückabdruck „Furor“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz schließt sich der Kreis zu Kuljabins Kreaturen des Digitalen. Hübners und Nemitz’ Protagonist, der 29-jährige Paketbote Jerome, sei der Prototyp eines Wutbürgers mit Netzanschluss, schreibt Marcus Hladek in seiner Kritik über die Uraufführungsinszenierung von Anselm Weber am Schauspiel Frankfurt. „Als argwöhnischer Verschwörungstheoretiker ist er angespitzt vom Internet und seinen trüben Quellen“, mittels derer er zuverlässig sein rechtes Denken bewässert. In einer kammerspielartigen Druckraumsituation lassen Hübner und Nemitz ihn auf den Politiker Braubach treffen, der versucht, sich gegenüber Jerome für das Elend des Prekariats empathisch zu zeigen. Wie in jedem guten Stück haben beide dabei auch gute Argumente – die Frage ist nur, welche Schlussfolgerungen man daraus zieht. „Wenn es eine Moral des Stücks gibt“, sagen die Autoren im Gespräch mit Jakob Hayner, „dann: weiterreden, auch wenn es schwerfällt.“

Verabschieden müssen wir uns in diesem Heft von dem Schauspieler Rolf Hoppe und dem litauischen Regisseur Eimuntas Nekrošius. Zwei Bühnengrößen, die auf je eigene Art das Theater mit ihrer eindringlichen und intensiven Kunst geprägt haben. //

Die Redaktion

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