Theater der Zeit

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Editorial

von Jenny Patschovsky und Joma Langhans

Erschienen in: reach out – Zirkus und Publikum (VOICES VI) (05/2026)

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In dieser VOICES Ausgabe wechseln wir die Blickrichtung: weg von der Bühne – hinein in den Publikumsraum. Wir blicken auf diejenigen, die Zeitgenössische Zirkusveranstaltungen besuchen - und auf diejenigen, die sie nicht besuchen. Wir beleuchten die äußeren Zugangsbedingungen ebenso wie die inneren: die Zugänglichkeit und das Potential von Zirkusveranstaltungen ebenso wie das Zirkuserlebnis, das sich aus Erfahrungen, Emotionen und Verstehen zusammensetzt. Und wir schauen uns an, wie dieses Erlebnis von Zirkuskünstler:innen heute gestaltet wird.

Spätestens seit der Performance Art der 1960er Jahre wird das Publikum von Künstler:innen neu gedacht, herausgefordert, aktiviert und einbezogen. Die Aufführung wird zu einem sozialen Prozess, bei dem die Zuschauenden mitgestalten, verführt und gereizt werden sollen. In der Darstellenden Kunst gibt es mittlerweile unzählige Beispiele immersiver Inszenierungen, und die kollektive Erfahrung ist Teil der künstlerischen Mission. Die aktuelle VOICES beleuchtet zirkuseigene Ansätze, Fragen und Aufführungskontexte. Bezugnehmend auf aktuelle Diskurse über nachhaltige Kulturarbeit, die Relevanz von Kulturangeboten und kulturelle Teilhabe suchen wir hier nach einer zirkusspezifischen Position.1

Die kreisförmige Bühnenarchitektur - das Spiel im Rund - evoziert sowohl eine (erhoffte) unmittelbarere Kommunikation mit dem ­Publikum als auch eine Kommunikation des Publikums untereinander. Die vor allem im klassischen Zirkus im Vordergrund stehende Trick-Dramaturgie, d.h., das Ausstellen von besonderen Fähigkeiten als Kern der Darbietung, ermöglicht eine besondere Verbindung mit dem Publikum: Die Zuschauenden sind unmittelbar emotional und z.T. sogar körperlich beteiligt, die Spannung überträgt sich gleichermaßen auf alle, die im Raum sind, und die Trennung zwischen Manege und Publikumsraum wird in diesem Gefühl temporär überwunden.

Hier braucht es kein intellektuelles Verstehen und kein Vorwissen, hier ist Zirkus für alle Menschen niedrigschwellig zugänglich. Im (traditionellen) Zirkus geht es seit jeher um das Berühren, Erregen und Verführen. Im aktuellen Kulturdiskurs wird daraus eine salonfähige Strategie, um kulturelle Teilhabe zu ermöglichen.

Auch der Zeitgenössische Zirkus hat den Anspruch, offen, niedrigschwellig und anschlussfähig zu sein und ein besonders diverses Publikum zu erreichen. Hält dieses Bild einer genaueren Betrachtung stand? Wann und unter welchen Voraussetzungen? Oder läuft der Zeitgenössische Zirkus Gefahr – nicht zuletzt durch fortschreitende Akademisierung und die zunehmende Verflechtung mit dem etablierten Kulturbetrieb –, die gleichen Beschränkungen zu erschaffen, die den akademisierten Theaterbetrieb von einem Großteil der Bevölkerung2 entfernen? Wer sitzt eigentlich im Publikum – und wer nicht? Wer fühlt sich angesprochen, wer ausgeschlossen? Welche Rolle spielen soziale, kulturelle oder ökonomische Faktoren? Zwischen dem Anspruch auf künstlerische Komplexität und dem Versprechen von Zugänglichkeit entstehen Fragen, die über die nach den bloßen Auslastungszahlen hinausgehen.

In dieser VOICES Ausgabe bringen wir verschiedene Perspektiven und Stimmen zusammen, wobei der Fokus auf dem ­deutschsprachigen Raum und auf Zirkusgruppen liegt, die hier regelmäßig präsent sind. Wir laden dazu ein, genauer hinzuschauen, gängige Annahmen zu hinterfragen und selbst zum Publikum zu werden. Ganz im ­Sinne des CircusDanceFestival-Mottos „Come Closer“ versteht sich das ­Magazin als Einladung, Nähe herzustellen – und neu zu denken.

Eröffnet wird das Magazin von einem Artikel der Wiener Zirkusforscherin Dr. Birgit Peter, die sich auf eine Spurensuche nach dem Zirkuspublikum vom 18. Jahrhundert bis heute begibt. Sie beschreibt die enorme Popularität des Genres Zirkus und entschlüsselt, wer sich alles im Zirkuspublikum wiederfinden lässt. Der Beitrag versteht sich auch als historische Rückverbindung, die bewusst die gemeinsamen Wurzeln mit dem klassischen Zirkus aufzeigt, um ­daraus Bezüge zu heutigen Fragen abzuleiten. Zum Beispiel beleuchtet die Autorin Aspekte der Zirkusrezeption, die über den viel zitierten „male gaze“3 hinaus gehen. Und sie vergegenwärtigt uns die grausamen Kapitel aus der Publikumsgeschichte des Zirkus.

Mit Mikey Martins konnten wir einen der inspirierendsten Festivalorganisatoren der internationalen Festivalszene für ein Interview gewinnen. Ausgehend von seiner langjährigen kuratorischen und planerischen Praxis sprechen wir mit ihm über die vielschichtigen Beziehungen zwischen Festival und Publikum. Dabei geht es um Barrieren und Gemeinschaftsprojekte, um Verantwortung, Strategien und politische Statements. Das Gespräch eröffnet Einblicke in die Perspektive eines Organisators, der Publikum nicht als gegebene Größe versteht, sondern als etwas, das aktiv mitgestaltet (wird).

Unter dem Titel „Statements“ haben wir Gedanken und Stimmen von Künstler:innen und Publikum gesammelt. Die fünf Artist:innen Hanna Mampuys, Benjamin Richter, Yann Ecauvre, Amaia Valle und Clémence Gilbert sprechen über die Bedeutung des Publikums in ihren Arbeiten und über ihre Ansätze und Motivationen, die Zuschauenden mitzudenken und einzubeziehen. Dazwischen kommt endlich auch das Publikum zu Wort - in Zitaten von Zirkusfans bis hin zu Nicht-Besucher:innen.

Im abschließenden Interview mit Ole-Kristian Heyer – Fotograf und engagiertes Mitglied der Insane Urban Cowboys aus Gelsenkirchen – weiten wir den Blick über den Rahmen klassischer Zirkusveranstaltungen hinaus und richten ihn auf nachhaltige Veränderungen im öffentlichen Raum. Aus seiner lokalen Perspektive auf das Ruhrgebiet spricht Heyer über ein Publikum, das nicht nur als Zuschauer:innenschaft, sondern als Teil eines sozialen und urbanen Gefüges gedacht werden kann.

Das Magazin ist mitnichten vollständig – viele Stimmen, ­Perspektiven und Aspekte (wie z.B. der gesamte Bereich Vermittlungsarbeit und das große Thema Zirkusrezeption) fehlen. Auch sind wir uns bewusst, dass die Artikel und Interviews ausschließlich von ­weißen mittel­europäischen Personen stammen. Wir erleben diese ­VOICES-Redaktion als eine Gratwanderung zwischen dem Wunsch nach ­Authentizität, fragmentarischen Einblicken und den aktuellen struktur­ellen Unzulänglichkeiten des Zirkuskosmos. Wir Zirkus­akteur:innen befinden uns alle in einem Lernprozess, um eine diversitätsbewusste Haltung innerhalb der Zirkusstrukturen zu ­etablieren.4

Wir sind überzeugt, dass unsere Gesellschaft Orte braucht, an denen Verbindung gelebt wird, um Polarisierungen und Spaltungen entgegenzuwirken. Gemeinschaftsstiftende Momente können eine Grundlage bilden für mehr Verständnis füreinander. Zirkus, egal in welcher Ausformung, hat auch heute noch das Potential, Menschen zusammenzubringen. Partizipative Formate im Zeitgenössischen Zirkus ermöglichen körperbasierte Publikumserfahrungen und zeigen so, wie wertvoll kollektive und körperliche Zusammenarbeit ist. Der zirkuseigene Umgang mit Objekten5 öffnet uns für neue Arten des Umgangs mit unserer Umwelt, auch mit der nicht-kontrollierbaren. In dieser Zeit der Kriege, des Klimawandels und der globalen Veränderungen können Zirkuserlebnisse – ganz im Sinne der „Zirkuskunst als Praxis der Hoffnung“6 – spürbar machen, dass Menschen Herausforderungen gemeinsam meistern können und dass Träume und Utopien denkbar und realisierbar sind. Wir laden alle Menschen ein, dafür in den Zirkus zu kommen.

Jenny Patschovsky und Joma Langhans
Köln, April 2026

 

1 Weitere zirkusspezifische Publikationen zum Thema sind u.a.: Costa, Bruno / Vilar, Daniel (Hg.): When we step outside, what place are we looking for? Art in public space and placemaking. Bússola: Outdoor Arts Portugal. 2025; Vilar, Daniel: Shared Stages: A comprehensive guide to participatory circus. BETA CIRCUS, 2025.

2 Etwa die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland interessiert sich nicht für öffentlich geförderte Kultureinrichtungen. Vgl.: Mandel, Birgit: Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung zur Legitimität öffentlich geförderter Theater in Deutschland. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/index.php/artikel/ergebnisse-einer-repraesentativen-bevoelkerungsbefragung-zur-legitimitaet-oeffentlich (letzter Zugriff am 03.04.2026). Vgl.: HOW TO (NOT) DO A FESTIVAL. 5 Erkenntnisse für bessere Publikumsarbeit. Hg.v. FESTIVALFRIENDS. Dortmund 2025.

3 Gemeint ist der männliche voyeuristische Blick, den ein bestimmter Aufführungsrahmen, die unkonventionelle Kleidung und die spezifische Inszenierung weiblicher oder weiblich gelesener Künstlerinnen provozieren sollten. Vgl. Hildbrand, Mirjam / Künkel, För: Zirkuskunst in Berlin um 1900. Berlin 2025. S. 49.

4 Wir freuen uns über einen Austausch darüber. Schreibt uns gerne an: voices@circus-dance-festival.de

5 Benjamin Richter beschreibt in seinem Statement sein Konzept der „Jugglicality“.

6 Vgl./Cf.: Robitaille, Marie-Andrée: Circus as Practices of Hope: A Philosophy of Circus. (Diss.) Stockholm University of the Arts, Department of circus. Stockholm 2024.

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