Theater der Zeit

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Vorwort

Erschienen in: Recherchen 27: Tanz Körper Politik – Texte zur zeitgenössischen Tanzgeschichte (10/2012)

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Die in diesem Band zusammengestellten Texte, geschrieben zwischen 1990 und 2005, orientieren sich an aktuellen künstlerischen und kulturellen Entwicklungen, wurden in Gesprächen mit Künstlern oder in Reflektion auf das jeweilige Zeitgeschehen entwickelt. Sie stehen in einem größeren kulturpolitischen Zusammenhang, der sich in zwei Schlüsselthemen der letzten Jahrzehnte manifestiert. Erstens in einer Neubewertung des Körpers als Medium der Wissensproduktion und damit auch der Kunst. Und zweitens in dem radikalen Neudenken kultureller Identitäten durch Migration und Interkulturautät.

Dabei war von Beginn an mein Kernanliegen, theoretische Aspekte in konkrete Wirklichkeitsbezüge zu übersetzen. Die Herausgabe der Zeitschriften tanz aktuell, später ballett international/tanz aktuell, war eine Form dieser Umsetzung. Die Zeitschriften, und mit ihnen die Artikel, verstanden sich als kulturpolitische Medien der Kommunikation und Vernetzung, aber auch der Projektentwicklung. So entstanden im Umfeld der Zeitschriften Festivals, Laboratorien, Symposien und Vorträge, die im Grenzbereich von künstlerischer Praxis und wissenschaftlichem Diskurs neue Wissensformen recherchierten.

Insofern ist die Programmarbeit im Haus der Kulturen der Welt in Berlin nur ein konsequenter Schritt in diese Richtung gewesen. Dabei verknüpfte sich für mich die Arbeit an einer zeitgenössischen Tanzbewegung mit der Frage nach Interkulturalität und Migration - zwei Schlüsselthemen der aktuellen Gesellschaftsentwicklung und Kulturwissenschaften. Ebenso wie der Tanz ist die Interkulturalität nicht allein theoretisch zu fassen. Und wie eine komplexe Vorstellung von Wissen nicht mehr ohne den Körper und das Performative auskommt, ist Interkulturalität nur im Kontext praktischer Erfahrung zu verhandeln. Interessanterweise existieren zudem zahlreiche Verknüpfungen zwischen beiden Themenkomplexen. So greifen die zeitgenössischen Tänzer und Choreografen intensiv auf interkulturelle Erfahrungen zurück. Die internationale Tanzszene ist zu einer wegweisenden Kunstsprache jenseits nationaler Konzepte geworden. Internationale Netzwerke treten an die Stelle nationaler Referenzen. Und auf der anderen Seite wird die Dekonstruktion nationaler Identitäten, die Neubestimmung und Aktualisierung von Traditionen, von vielen Künstlern und Theoretikern an den Körperbildern und Körpergeschichten festgemacht. Der performative Körper bildet den individuellen Erfahrungshorizont der ungeheuren Veränderungen in der postkolonialen und globalen Kulturentwicklung überall auf der Erde. Tanz, Theater und Bewegung, aber auch Fotografie und Video werden zu den zentralen Medien der Neubestimmung. Die hier ausgewählten Essays und Interviews folgen diesen Grundthemen.

Die 17 Texte sind in drei Kapitel mit unterschiedlichen Schwerpunkten gegliedert. In einem ersten Teil geht es um die Lesbarkeit des zeitgenössischen Tanzes, um die Beschreibbarkeit eines zeitgenössischen Phänomens. Über die Themen Raum und Bewegung, Abstraktion und Körper, Erinnerung und Trauma habe ich versucht, die aktuellen Ereignisse und Entwicklungen in Zusammenhängen zu sehen, zu analysieren und theoretisch zu verorten. Die Beiträge zum Anthropologischen Raum, zu Forsythe und Bohner, zu Lauwers und Fabre und zu den Rekonstruktionsversuchen beschreiben Ansätze, wie der zeitgenössische Tanz in ästhetischen Zusammenhängen gelesen werden kann.

Im zweiten Teil steht der Körper im Zentrum. Koffi Kôkô spricht von dem »Dritten Körper«, von einem Körper der Transgression. Am Beispiel der Solos von Gerhard Bohner oder Kazuo Ohno wird deutlich, wie sehr die Frage der Identität, des modernen Subjekts, an den Körper gebunden ist. Das Tanzsolo ist insofern ein Schlüsselmotiv der Moderne. Einen vergleichbaren Ansatz hat Jan Fabre mit seinem visuellen Werk unternommen. Die blauen Bic-Zeichnungen sind Versuche, den Körper zu schreiben.

Im dritten Teil rücke ich die politische Dimension der aktuellen Künste, insbesondere des Tanzes und des Theaters, in den Vordergrund. Hier wird die Kategorie des kulturellen Gedächtnisses wichtig, der Umgang mit der eigenen Geschichte und die Transformationsleistungen der zeitgenössischen Künstler. Ausgehend von der Schwierigkeit, nationale öffentliche Denkmäler in Berlin zu errichten, wird eine Mentalitätengeschichte sichtbar, die im »Verhüllten Reichstag« kulminiert. Die Besucher werden zu den Performern. Möglicherweise wird hier eine neue Form der Inszenierung von Identität sichtbar. Schließlich wird im interkulturellen Dialog, ob nun durch Festivals und Austauschprojekte oder durch Migration, die neue politische Relevanz von Kunst und Kultur am deutlichsten. Welche Konzepte von Austausch und Kommunikation sind möglich jenseits nationaler Konzepte wie Integration und Exotisierung?

 

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