Gespräch
TdZ+Gespräche über die Oper
von Karl Schönewolf
Erschienen in: Theater der Zeit: Theaterwissenschaft – Wissenschaft vom Leben (01/1948)
Assoziationen: Musiktheater Berlin
„Eins zuvor“, sagte Marietta, „ich habe Gesang studiert, aber mit der Oper kann ich nichts anfangen. Sie ist keine reine Musik und kein reines Drama. Ihr Pathos ist mir ein Greuel. Was hat sie uns überhaupt noch zu sagen, diese überlebte Kunstgattung?
„Wie ist mit dem Blinden von der Farbe zu reden?“ dachten nach dieser radikalen Eröffnung verblüfft schweigend die vier kunstbeflissenen Männer, die Marietta zu einem Gespräch über die Oper gebeten hatte. Der Fühllose läßt sich nicht von der Liebe überzeugen.
„Und doch sind die Opernhäuser allabendlich ausverkauft“, fand der Journalist als erster das Wort. „In New York und in Moskau, in Rom und in Paris, in London und sogar im zertrümmerten Berlin: überall das gleiche Bild. Immer wieder totgesagt, lebt die Oper seit dreieinhalb Jahrhunderten im wechselnden Glanz ihres Erfolges. Und seit das Radio den Äther erschlossen hat, triumphiert sie sogar im Weltenraum stärker als das begriffliche Wort.“
Marietta: Triumph der Dummheit also? Denn die Oper verdummt. Sie spielt mit der Lüge.
Schriftsteller: Wo beginnt die Lüge? Wo endet die Wahrheit? Sie ist das Theater der Leidenschaften. Viel ursprünglicher als das literarische Sprechdrama blieb sie dem Mimus verbunden, dem Dämon der Verwandlung, der Lüge und Wahrheit zauberisch mischt....

















