Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Christoph Hein und Ingo Schulze: Rasender Stillstand – Fragen an die deutsche Wirklichkeit (10/2013)
Ein weltweit bekanntes Dorf liegt in Gallien. Das kleine Dorf, von dem wir im Künstlerinsert Bilder zeigen, liegt in Mecklenburg-Vorpommern: Nossendorf. Hier führt Hans-Jürgen Syberberg seit vielen Jahren einen Kampf um die Rückgewinnung jenes Glücks, das ihm dieser Ort, in dem er 1935 geboren wurde, einmal gewährte. „Lebt er einen Traum? Vielleicht. Gewiss aber lebt er die Erinnerung an etwas, das nicht nur im Gestern wurzelt, sondern durch alle Zeiten geht“, so Gunnar Decker über die Verwüstung von Heimat durch deutsche Geschichte.
Über das Verhältnis von Geschichte und Zukunft sprach Peter Stein im Rahmen unserer im September begonnenen Diskursreihe „Zurück in die Zukunft“ mit Frank Raddatz. Er moniert, dass für uns Theaterleute das größte Problem nicht darin liege, dass die Hoffnung auf eine bessere Welt verloren gegangen sei, sondern in der Tatsache, dass aufgrund der momentanen Lebenseinrichtung, aufgrund der Medien, aufgrund der Erfindung des Internets eine noch längst nicht abgeschlossene Privatisierung des öffentlichen Sektors stattgefunden hat und stattfindet.
Christoph Hein, dessen Roman „Weiskerns Nachlass“ sowohl in Weimar als auch beim 10. GlückAuf-Fest in Senftenberg aufgeführt wird, beschäftigt ebenfalls der Verlust von Zukunft. „Ohne Zukunft gibt es aber auch keine Utopien“, weiß Hein, der im Gespräch mit Martin Linzer anschaulich machte, wie jede neue Krise systematisch die Bürger enteignet, ohne dass die Probleme gelöst werden. Auch auf Ingo Schulze wirkt die deutsche Wirklichkeit verloren. Gegenüber Dorte Lena Eilers interpretiert er Andersens Märchenmotiv von den neuen Kleidern: „Das Erschreckende ist, dass die einfachsten Dinge nicht mehr als Maßstab genommen werden. Wo jedes Kind sagt: So haut das doch nicht hin.“ Aus uns nicht nachvollziehbaren Gründen hat der Suhrkamp-Verlag den Abdruck der Senftenberger Bühnenfassung von „Weiskerns Nachlass“ untersagt, der ab S. 48 geplant war. Stattdessen drucken wir dort „Das Fest“ in Erinnerung an den kürzlich verstorbenen Autor Klaus Rohleder.
In Weimar zeigte sich Gunnar Decker davon beeindruckt, wie Hasko Weber das Deutsche Nationaltheater steuert: „Was das Stadttheater heute braucht, das sind Projekte mit langem Atem. 1919 wurde hier im Theater die Verfassung der Weimarer Republik beschlossen! Deren 100-jähriges Jubiläum ist für Weber ein Thema.“ Jahrhundertbögen schlugen in Anwesenheit von Holger Teschke auch Durs Grünbein und Michael Hagner, die den Weg von Georg Büchners dramatischen Entwürfen zu Big Data verfolgen. Grünbein weist darauf hin, „dass mit Beginn des 18. Jahrhunderts die Biologisierung des Menschen einsetzt. Büchner war der Erste, der den biologisierten Menschen ins Zentrum stellte.“ Hagner sieht Verbindungen zu utopischen Menschenentwürfen: „Ein anderer Aspekt des Glaubens an den ‚neuen Menschen‘ lag in der Reflexlehre, in diesem irren Projekt einer kollektiven Reflexologie, die auf die Frage hinauslief, ob man damit vielleicht die Massen steuern könnte. … Diese Ideen sind längst noch nicht verabschiedet, wenn man an das Manipulationspotenzial von Big Data denkt.“
Dorte Lena Eilers erlebte in Bulgarien 2013 als das Jahr der Proteste. Auch hier geht es um Manipulation. Die organisierte Kriminalität, kurz: Mafia, bestimmt im ärmsten Land Europas weite Teile des Lebens. „Seit über zwanzig Jahren warten die Leute hier auf bessere Zeiten, während in den Hinterzimmern die Unterwelt Champagner trinkt.“ Das Theater sah lange mit derbem Witz darüber hinweg. Doch im Zuge der Proteste hat es nun selbst seine politische Kraft entdeckt. „Unsere Mission ist es, … jene Sinne zu wecken, die den Menschen zu mehr machen als einer schläfrig konsumierenden Einheit“, heißt es in dem Manifest der Dokumentartheater-Gruppe Vox Populi. //
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