Im Sprachunterricht in Japan habe ich gelernt, dass das reinste Hochdeutsch in Hannover zu finden sei, und zwar auf einer Theaterbühne und nicht irgendwo auf der Straße. Aber es gibt keinen Menschen, der in einem Hannoveraner Theater geboren wurde und nie das Theatergebäude verlassen hat. Es gibt also keinen Menschen ohne Akzent, so wie es keinen Menschen ohne Falten im Gesicht gibt. Der Akzent ist das Gesicht der gesprochenen Sprache, und ihre Falten um die Augen und in der Stirn zeichnen jede Sekunde eine neue Landschaft.1
Diese Anekdote, die in Yoko Tawadas Essay zum „Akzent“ von der Ich-Erzählerin geschildert wird, verweist den Mythos des Hochdeutschen ins Reich des Theaters, ins Feld der Künstlichkeit und zugleich in eine Szene der Mehrsprachigkeit: Denn die Ich-Erzählerin lernt im Deutschunterricht in Japan, also in einer zwei-, vielleicht gar mehrsprachigen Situation, dass das erstrebte Sprachideal ein artifizielles ist, welches dem Theater entstammt.
Nun liegt die erlebte oder auch imaginierte Szene des Sprachunterrichts schon einige Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurück, und die Situation in deutschsprachigen Theatern hat sich massiv gewandelt. Auch wenn auf heutigen Theaterbühnen die Schauspielenden noch immer überwiegend Hochdeutsch reden, sind die Stimmen, Sprechweisen und Artikulationen doch deutlich diverser und vielfältiger geworden. So...