Sprachliche Angleichungsprozesse sind immer wieder durch gesellschaftliche Dynamiken angetrieben worden, die oftmals wirtschaftliche Entwicklungsphasen begleiteten und sich rückblickend in der ostmitteldeutschen Region vor allem nach dem 15. Jahrhundert ereigneten. In der Markgrafschaft Meißen, im Wettiner Land, erforderte der Bergbau mit seinen reichhaltigen Silberfunden behördliche Strukturen, deren funktionaler Aufbau über die obersächsischen Kanzleistuben verwirklicht worden ist. Diese Orte administrativer Tätigkeiten verlangten in ihrem Wirkungsgebiet einen durch Eindeutigkeit bestimmten schriftlichen Austausch. Obgleich das Meißnische Deutsch zugrunde lag, entstand keine verschriftete Abbildung eines Dialekts, sondern vielmehr eine über die Landschaftsgrenzen hinweg ausgleichende Form, um damit den Anforderungen eines erweiterten Wirkungskreises zu entsprechen.1
Der Reformator Martin Luther traf nun auf diese technokratische Sprache, deren Reduziertheit einen Sprachgenius, wie Luther es war, geradezu einlud, sie stilistisch und dennoch volksnah für die Bibelübersetzung sowie für seine Schriften frei und in höchster Güte zu formen. Ihre überregionale Multiplikationskraft spiegelt sich in seinen Redewendungen, wie „Zeichen der Zeit“, oder den geflügelten Wörtern, wie „Lästermaul“, bis in die Gegenwart wider. Herausragend sind die bildhafte Stärke und seine Erfindungsgabe beim Komponieren von Wörtern. Das deutsche Sprachsystem ermöglicht diesen schöpferischen Vorgang bis heute. Selbst Elemente aus fremden Sprachen können darin aufgenommen werden. Für das Sprechen gelten dabei klare Betonungsregeln. So...