Auftritt
Bayreuther Festspiele: Friedensboten als Taubenplage
„Rienzi“ von Richard Wagner – Musikalische Leitung Nathalie Stutzmann, Inszenierung, Bühne und Kostüme Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, Licht Bernd Gallasch, Video Leonard Koch
von Richard Lorber
Assoziationen: Bayern Theaterkritiken Musiktheater Dossier: Festivals

Bislang schien es eine unausgesprochene Regel, dass bei den Bayreuther Festspielen ausschließlich die zehn Bühnenwerke Wagners vom „Fliegenden Holländer“ bis zum „Parsifal“ aufgeführt werden. Zum 150-jährigen Bestehen brechen die Festspiele selbst mit dieser Regel und bringen zum ersten Mal Wagners Frühwerk „Rienzi“ heraus. Das passt zur Vorliebe von Festspielleiterin Katharina Wagner für Unkonventionelles und Neues, angefangen mit ihrer eigenen respektlos fröhlichen Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ 2007, der Verpflichtung eines so unbequemen Regisseurs wie Frank Castorf 2013 oder von Oksana Lyniv, der ersten Dirigentin bei den Festspielen.
Es gibt zwar kein Testament von Richard Wagner, aber es gibt einen bemerkenswerten Brief vom November 1882 an König Ludwig II., in dem er schreibt, er wünsche sich bei den Festspielen mustergültige Aufführungen seiner Werke, gerechnet vom „Fliegenden Holländer“ an. Ist also die Urenkelin des Komponisten eine unzuverlässige Testamentsvollstreckerin? Katharina Wagner musste ja wissen, was sie tut – sie selbst hat „Rienzi“ 2008 in Bremen inszeniert. Das Werk handelt von dem römischen Volkstribun Cola di Rienzo, der im 14. Jahrhundert die Republik ausrief und später an seiner Hybris scheiterte.
Wagners Oper hat große Schwächen, weswegen man sie kaum auf den Spielplänen findet. Diese liegen vor allem in den endlosen Massenszenen. In Bayreuth haben die Regisseurinnen und Ausstatterinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka aber ein dramaturgisches Problem des Stücks überzeugend gelöst, nämlich den Fall Rienzis im 4. Akt vom umjubelten Volkstribun zum Geächteten. Was im Libretto nur angedeutet ist, nämlich der hohe Blutzoll der eigenen Leute beim Kampf gegen die Gegner, wird ausgeweitet in eine Traumaerfahrung Rienzis. Er ist nicht nur der mit moderner Social-Media-Propaganda an die Macht gekommene Herrscher, sondern jemand, der an seiner Rolle irre wird und dessen Gewaltexzesse Folgen einer psychischen Dissoziation sind.
So wird er bei der Rede an das Volk in schwindelerregende Höhe gefahren, was ihn von oben herabblickend taumeln lässt. Das Volk begegnet ihm als bedrohliche Masse, obwohl er Gleiches ja zunächst selbst mit seinen fragwürdigen Friedensbotschaften manipuliert hatte.
Man erlebt vom ersten Akt an einen gebrochenen Helden, den Andreas Schager auch so darstellt, wenn er in den leisen Tönen wie bei dem Gebet „Allmächt’ger Vater“ vielleicht etwas unfreiwillig einen japsenden Jammerton anschlägt, um möglichst schnell wieder zum kraftvollen, trompetenartigen Singen zu kommen. Er bewältigt diese mörderische Partie, die den späteren Wagner-Rollen eines Tannhäuser oder Tristan in puncto Kraftanstrengung in nichts nachsteht, mit bewundernswerter Kondition.
Szemerédy und Parditka haben das Stück in der Dystopie einer durchdigitalisierten Welt angesiedelt, bei der Wahlen per Fingerabdruck erfolgen und die Menschen in uniformen Plattenbauten hausen, wo der Gesang der Friedensboten im 2. Akt als Taubenplage bebildert wird.
Herausfordernd für jede Inszenierung dieses Stücks sind die Chorszenen. In ihnen treten Mönche, Senatoren, Bürger, Priester und Adelige, die ganze römische Gesellschaft, mal als Anhänger, mal als Widersacher von Rienzi auf. Der Bayreuther Festspielchor zeigte im ätherischen Ferngesang oder in scharf artikulierter Widerrede ein Höchstmaß an Differenzierung, auch schauspielerisch. Die Dirigentin Nathalie Stutzmann verfügt allerdings über zu wenige Mittel, dem Musiklärm dieser Szenen abzuhelfen. Zwar sorgte der verdeckte Orchestergraben für etwas Dämpfung, womöglich aber um den Preis mangelnden Einvernehmens zwischen Graben und Bühne. Besonders in den Solistenensembles klapperte es folglich öfter.
In der Oper gibt es noch zwei weitere Hauptrollen: Rienzis Schwester Irene, zu der er ein inzestuöses Verhältnis pflegt, was die Regisseurinnen in einer pantomimischen Darstellung während der Ouvertüre zeigen, als das kranke gemeinsame Kind stirbt (im Libretto ist es ihr Bruder), was der eigentliche Grund für Rienzis Trauma ist – sowie Irenes Geliebter Adriano als Sohn der verfeindeten Familie Colonna, eine Hosenrolle. In dieser Konstellation liegt erhebliches dramatisches Potenzial, was musikalisch jedoch nicht annähernd realisiert wurde. Jennifer Holloway als Adriano sang kraftvoll, aber schrill, ohne Zwischentöne und Textverständlichkeit. Gabriela Scherer als Irene wirkte trübsinnig, ohne dass man herausgefunden hätte, ob sie manipulativen Einfluss auf Rienzi ausübt oder umgekehrt (ihm ein treu ergebenes Anhängsel zu sein, legt das Libretto nahe).
Die ausladende Ballettmusik (sonst meistens gekürzt) wurde genutzt, um ein komisches Klamottentheater in einem stilisierten Festspielhaus zu zeigen, bei dem die Figuren aus den zehn anderen Wagner-Opern auftreten. Später ist dieses Theater niedergebrannt, womit der Bogen zu 150 Jahren Bayreuther Festspiele geschlagen wird, die mit Reden von Katharina Wagner, Friedrich Merz, Markus Söder, Nike Wagner und am Tag danach von Michel Friedman in der zunächst abgesagten Gedenkveranstaltung eröffnet wurden. Friedman zog einen großen Bogen von der Naziverstrickung der Festspiele bis hin zu den bevorstehenden Wahlen in diesem Jahr. Und den Appell der Nachkriegsintendanten Wieland und Wolfgang Wagner, von politischen Debatten abzusehen, um eine „reibungslose“ Durchführung zu ermöglichen, brandmarkte er als mangelnden Willen zu einer Auseinandersetzung – grüner Hügel über brauner Erde. Dieser Wille, sich der Vergangenheit zu stellen, war 2026 jedenfalls als Ostinato der Jubiläumsaktionen unüberhörbar.
,„Rienzi“ aber, angeblich Hitlers Lieblingsoper, konnte in Bayreuth nicht rehabilitiert werden. Sie wird am Grünen Hügel vermutlich ein einmaliges Ereignis bleiben, so dass sich die Jubiläumsspielzeit im Nachhinein als eine Bestätigung von Wagners Werkkanon erweist.
Erschienen am 29.7.2026


















