Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Romeo Castellucci: Zurück in die Zukunft – Über die Vermessung der Welt von morgen (09/2013)

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Wer sich mit dem Septemberheft auf eine Tour d’Horizon durch den Theatersommer 2013 begibt, wird bald zweier scheinbar voneinander unabhängiger thematischer Linien gewahr. Geschichte und Politik bilden das eine große Thema, wie Frank Castorfs wuchtige Interpretation von Wagners „Ring“ in Bayreuth zeigt. Gunnar Decker verfolgt, wie der Regisseur Wagner mit seinem Kunstwerk der Zukunft beim Wort nimmt. „Ein Gesamtkunstwerk für alle und kein Reservat für Besserverdienende“ (Durchschnittskartenpreis des „Rings“ derzeit 740 Euro!). In der von uns auf 16 Seiten abgebildeten Bühne Aleksandar Denic’ verlaufen sich „lauter Untergeher. Sie haben von Anfang an keine Zukunft, existieren schon viel zu lange!“ Im Gespräch mit Michael Schmidt zeigt Castorf die Verbindungen des Theaters mit den Kämpfen seiner Zeit auf, „wie Brecht das Berliner Ensemble in einer Zeit bekommen hat, die ebenfalls totalitär geprägt war, wie auch die Bismarck-Zeit, in die der Wagner hineingegangen ist. Sie haben so viele Parallelen mit ihrem Anarchismus, mit ihrem Revolutionismus. Wagner, in der Nähe der Barrikaden, mit Semper, mit Bakunin – gegen die Geldherrschaft, für die Gerechtigkeit, für die deutsche Kunst.“

 

Die Herrschaft des Geldes wird auch im „Gramsci Monument“ von Thomas Hirschhorn und Marcus Steinweg plastisch, die in der South Bronx in New York „die kapitalgelenkte Realität“ durchbrechen. „Das ‚Gramsci Theater‘ dreht sich unablässig um die Finanzmärkte und deren Geldschöpfung aus dem Nichts“, schreibt unser Korrespondent Matt Cornish. Das Stück des Volksbühnen- Philosophen Steinweg findet sich auf Seite 80. Dieser Zusammenhang lässt sich weiter fortsetzen mit Sebastian Kirschs Artikel über das neue Dunkel, das in Ungarn herrscht, und den Widerstand der Gießener Gruppe Mobile Albania, mit der heiklen und umso mutigeren Auseinandersetzung der Impulse Theater Biennale mit Israel oder der Kolumne von Josef Bierbichler, der dem Hitlermeese die Leviten liest.

 

Eine zweite Front tektonischer Reibungen eröffnet ein sich verändernder Blick auf die Technik, auf die Maschinen und ihre Auswirkungen. Parallel zu Snowdens unfassbaren Enthüllungen fragten sich die Theaterformen in Hannover, was wäre, wenn die Welt eine gesteuerte Computermanipulation wäre, während die Wiener Festwochen Busreisen ins stillgelegte Atomkraftwerk Zwentendorf anboten, wo der japanische Künstler Akira Takayama Bezüge zur Atomkatastrophe in Fukushima herstellt. Das von Romeo Castellucci kuratierte Malta Festival im polnischen Poznań stand dieses Jahr also nicht zufällig unter dem Topos „oh man, oh machine“. Hier traf Dorte Lena Eilers auf die Düsseldorfer Elektroniker Kraftwerk und lernte den Subtext des berühmten Hits „Wir sind die Roboter“ neu zu lesen bzw. zu hören: „Ihr seid die Roboter. Ihr seid auf alles programmiert. Und was ich will, wird ausgeführt.“ Im Interview mit Frank Raddatz erklärt Castellucci, der dieses Jahr mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet wurde, dass Kunst ein Möglichkeitsraum und damit Zukunft ist. Das Gespräch bildet den Auftakt einer neuen Reihe mit Künstlern und Denkern über unser verändertes Verhältnis zum Kommenden. In dem einleitenden Essay beschreibt Frank Raddatz, wie im Zuge des Epochenbruchs von 1989 der Horizont einer verheißungsvollen Zukunft ersetzt wurde durch eine unendlich ausgedehnte Gegenwart, die sich im Theater als Hype von Performativität und Präsenzeffekten niederschlug. Doch auch „unsere breite Gegenwart“, so ein Buchtitel von Hans Ulrich Gumbrecht, kommt nicht umhin, die künftige Gestalt der Zukunft in Form eines Bedrohungshorizonts wahrzunehmen. Diese neuerliche Verschiebung des Zeithorizonts wird, wie sich bereits zeigt, nicht ohne Folgen für Kunst und Theater bleiben.

 

Wer es einrichten kann, dem sei ein Besuch der Ausstellung „Sagerts Welt“ in Neuhardenberg, kuratiert von Mark Lammert und Stephan Suschke, ans Herz gelegt. Ein Must-read ist auf jeden Fall Sebastian Kirschs feinfühliges Porträt dieses singulären und widerspenstigen Künstlers. Horst Sagerts Notat zur legendären Aufführung „Der Drache“ sei hier kurz zitiert: „Unter den Bewohnern dieser Stadt sind die Architekten die Lieblingshunde des Drachens. Bei der Befriedigung dieser Liebe sind sie von der Zierseuche befallen. In einer Nacht scheiden sie Ornamente für eine ganze Allee aus. Am Tage ameist es darin emsig und leicht erziehbar.“ //

 

Die Redaktion

 

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Wir freuen uns über die Zusammenarbeit mit dem Tanzquartier Wien, das ab dieser Ausgabe mit dem regelmäßigen, achtseitigen Supplement SCORES in Theater der Zeit vertreten ist.

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