Auftritt
von Björn Hayer
Erschienen in: Theater der Zeit: Nüchterner Rausch – Der Schauspieler Steven Scharf (04/2013)
Assoziationen: Badisches Staatstheater Karlsruhe
Im Theater einzuschlafen, gilt als verpönt. Im Studio des Badischen Staatstheaters wird man momentan zu dieser Nachlässigkeit geradezu verführt. Ein mit Leinentüchern und Projektionen hergerichtetes Himmelszelt, darunter Matratzen, Bettzeug, beleuchtete Globen und schon zu Beginn der Hinweis: Einschlummern erwünscht! Früh wird klar, dass diese Uraufführung von „Die Müdigkeitsgesellschaft / Versuch über die Müdigkeit“ überraschende Finessen zu bieten hat.
Ausgehend von den gleichnamigen Texten des Philosophen Byung-Chul Han und Peter Handkes, entwickelt der Regisseur Stefan Otteni eine gedankenreiche Grundsatzdiskussion über den Zustand der aktuellen Überforderungsgesellschaft. Während bis ins 20. Jahrhundert noch strenge gesellschaftliche Hierarchien das Subjekt zu geißeln wussten, trägt die heutige Leistungsgesellschaft aus „Unermüdlichen“ und „Putzmunteren“ den Zwang zum Funktionieren direkt ins Seeleninnere. Obamas emphatisches Credo „Yes We Can“ negiert paradoxerweise die Hoffnung auf eine liberale Gesellschaft. Denn wie Han erklärt, besteht „zwischen dem Sollen und dem Können kein Bruch, sondern eine Kontinuität“. In einer Wettbewerbsgesellschaft aus Projektmitarbeitern, Freiberuflern und befristet Beschäftigten gilt zunehmend: „Der Selbstzwang ist fataler als der Fremdzwang.“
Mal in dozierendem Gestus, mal anarchisch verquer debattieren die in Schwarz gekleideten Schauspieler mitten im Matratzenlager darüber, wie wir „den Sklavenhalter in uns selbst verlegt haben“. Die Gedankengänge sind weit verzweigt, manchmal rational, dann wieder träumerisch abschweifend. Ursula Grossenbacher sehnt sich nostalgisch nach den früheren Zeiten; Gunnar Schmidt erzählt eine Anekdote von Herman Melville; und Thomas Halle stellt Überlegungen zu Hannah Arendts Begriff des Handelns an. Als das Badische Staatstheater bereits in der ersten Spielzeit unter Peter Spuhler mit einer Dramatisierung von Peter Sloterdijks „Du musst dein Leben ändern“ seinen Auftakt feierte, stand bald fest: Der surreal anmutende Bau soll fortan als Stätte einer hochintellektuellen Austauschkultur firmieren. Anstelle von Posen feiern die Akteure die Kraft des Wortes, werden zu Ideenvermittlern und Sprachjongleuren.
So auch in diesem Stück, welches das Publikum auf einen hellsichtigen Ritt durch die Geistesgeschichte mitnimmt. Von Platon über Friedrich Nietzsche, Georg W. F. Hegel bis hin zu Jean Baudrillard reicht das Spektrum kluger Vordenker, deren Fragen über das richtige Leben und die Condition humaine in das Stück eingelassen sind. Dass den Zuschauern nahegelegt wird, sich der Müdigkeit hinzugeben, entpuppt sich dabei nicht nur als wohltuende Nettigkeit, sondern ist zugleich künstlerisches Programm. Statt Beschleunigung, „Hyperaktivität“ und eines damit verbundenen „Mangels an Sein“ rät das Trio der Schauspieler zur Kontemplation. „Ein Volk der Müdigkeit“ soll wieder zu sich finden, soll Mobbing, Überreizung und Konkurrenz – eben alles, was uns in Isolation und „ Alleinmüdigkeit“ drängt – hinter sich lassen.
Der Regisseur zieht dabei alle Register, um noch die letzten Hektiker zu entspannen. Zwischen Wiegeliedern werden Kekse und Apfelschnitze gereicht, verspannte Rücken massiert. Jene Aperçus sind jedoch angesichts der Idee, der Müdigkeit wider den Zeitgeist eine bedeutende Rolle beizumessen, eher Show. Wer sich gehen lässt, vermag eine „tiefe Langeweile“ wieder zu ergründen, „die wichtig ist für einen kreativen Prozess“. Müßiggang lautet das inzwischen etwas verstaubte Wort, worauf Otteni sein Publikum einstellt.
Gleichwohl besitzt dessen dichte Komposition eine Schwäche, die in der Architektur des Stückes selbst begründet liegt. Wie schon in „Du musst dein Leben ändern“ begibt sich das Staatstheater auf den schmalen Grat zwischen philosophischer Schwergewichtigkeit und performativer Darstellbarkeit. Dass die in den Pausen kredenzten Leckereien zur Auflockerung beitragen, ist gut gemeint, kann jedoch nicht ganz über die wortlastige Statik hinwegtäuschen. Lebendig ist das Karlsruher Kabinettstück hingegen allemal. Es vermittelt Philosophie als visuelles Ereignis. Dem nachzusinnen, kann Aufgabe eines traumerfüllten Schlafes sein. Wir müssen ihn nur zulassen. //



















