Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Nüchterner Rausch – Der Schauspieler Steven Scharf (04/2013)

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Soll ein Editorial eine politische Resolution wie einen redaktionellen Beitrag behandeln? Wir meinen: Ja. Die Vorgänge in Ungarn sind derart alarmierend, dass wir uns neben dem Initiator Klaus Pierwoß, neben Unterzeichnern wie Elfriede Jelinek und Ulrich Khuon der Forderung nach einer europäischen Bewegung gegen den Abbau rechtsstaatlicher Instanzen anschließen.

 

Während die protofaschistische Polarisierung der ungarischen Gesellschaft eine antisemitische Gesinnung salonfähig macht und Roma als Sündenböcke für die immensen ökonomischen Probleme des Landes stigmatisiert, fragt der Theoriebeitrag von Bernd Stegemann, was der ökonomische Doppelsinn des Performativen über den Zusammenhang von theatralen Kunstformen und neoliberaler Ökonomie verrät. „Im englischen Verb ‚to perform‘ ist die Verbindung von Leistung und Darstellung in einer nicht übersetzbaren Doppeldeutigkeit gegeben. Eine Aktie oder der Angestellte müssen performen“ – um Mehrwertträume zu erfüllen. Der niederländische Theatermacher Jan Ritsema spricht in dieser Spur von der „Army of Artists“, deren nomadenhafter Umgang mit Zeit und Raum womöglich neoliberale Arbeitsmodelle der Zukunft darstellt. Allerdings bleibt Ritsema nicht bei einer analytischen Einschätzung, sondern gründete in einem ehemaligen Kloster in der Champagne das Performing Arts Forum, wo jeder Künstler gegen ein geringes Entgelt wohnen und an seinen Kunstprojekten arbeiten, sich aber zugleich über das neue Selbstverständnis des Künstlers austauschen kann. Denn im Gegensatz zum klassischen Avantgardebegriff ist die „Army of Artists“ längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und ihr integraler Bestandteil.

 

Im Gegensatz zu den Schlafwagensendungen des mit Zwangsabgaben subventionierten deutschen Fernsehens, wo ausgerechnet Katja Riemann mit ihren patzigen Antworten die auf Konsens konditionierte Fernsehgemeinde verstört – „Dear Katja, you are my hero“ (F. Raddatz) –, zeigen der Film- und Theaterregisseur Ulrich Seidl und Gunnar Decker, wie man den mentalen Ball tatsächlich hoch spielt: „Decker: Bei Ihren Arbeiten geht es mir meist so, dass ich mich hinterher auf anregende Weise unwohl fühle! Seidl: Das haben Sie sehr schön gesagt.“ Schon sind wir mitten im Themenkomplex Theater und Religion. Bereits im Insert performt der in Oberammergau geborene Bühnen- und Kostümbildner Stefan Hageneier visuell die Kunst seines Heimatdorfes. Während sich südlich der Alpen, in Neapel etwa, das Christentum als Orgie aus Blut und Schmerz feiert, zeigt Christoph Leibold, wie die bayrische Sensibilität selbst bei religiösen Themen noch die Rationalität fokussiert. Wenn Schauspieler Steven Scharf etwa Judas, den Meister des Verrats, spielt, will er „sich nicht ent-schuldigen, also ganz wortwörtlich seiner Schuld entledigen. Wohl aber will er sich erklären. Sich und seine Überzeugung.“ In einem weiteren Beitrag geht Sebastian Kirsch der Frage nach, wie das religiöse Ritual die politische Ästhetik Bertolt Brechts, Einar Schleefs und Christoph Schlingensiefs situiert.

 

Brecht liefert auch den Schlüssel für Sebastian Kirschs Einordnung des „neuen“ HAU unter Annemie Vanackere, denn die neue künstlerische Leiterin bezeichnet sich selbst als „Zuschauerin“ und benennt damit „tatsächlich eine ihrer wichtigsten Funktionen: ein Zuschauen zu praktizieren, das selbst eine Kunst ist, eine ‚Zuschaukunst‘, wie sie ähnlich bereits Brecht gefordert hat“.

 

In Havanna erlebte Dorte Lena Eilers derweil die kubanische Erstaufführung von Hans Werner Henzes „El Cimarrón“, eines nach wie vor brisant-politischen Werkes, das ebenso wie die bildende Kunst des Landes konstatiert: „Kubas Freiheit wohnt unter den Brüsten der Frauen.“ Das Libretto stammt von Hans Magnus Enzensberger und findet sich im Anschluss abgedruckt. Die Revolution von 1899, um die es im „Cimarrón“ unter anderem geht, „lasse natürlich auch Parallelen zur Revolution von 1959 zu – und damit zum Heute“, sagt der deutsche Regisseur Andreas Baesler über dieses von der deutschen Botschaft und dem Goethe-Institut veranstaltete Projekt. Anschließend erinnert sich der Schriftsteller Miguel Barnet, Autor des zugrundeliegenden Romans, wie Henze und Enzensberger ihn das erste Mal besuchten: „Hans, von dem ich noch eine Sammlung von Briefen auf Englisch habe, die ich einer künftigen Hans-Werner-Henze-Stiftung übergeben werde, hegte immer eine große Zuneigung zu Kuba und zu seinen Menschen, vor allem zu seinen Künstlern und Schriftstellern.“

 

Wer wissen möchte, wie Matthias Lilienthal in Beirut seine nächste Direktion des Festivals Theater der Welt in Mannheim 2014 vorbereitet, sei auf die letzte Seite verwiesen. Wer dagegen ein Freund von outer space ist und mehr über das Geheimnis des jüngsten Meteoritenbefalls erfahren will, lese Josef Bierbichlers Kolumne: „Mit Sternschnuppen hat das nichts zu tun.“ //

 

Die Redaktion

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