Schwerpunkt
Theater und die offene Gesellschaft
Beobachtungen zwischen Moers und Moabit
von Sarah Kramer
Erschienen in: ixypsilonzett: Kulturpolitik für das Kinder- und Jugendtheater (10/2017)
Ich schalte das Autoradio ein, es dröhnt los und erzählt mir vom Er[1]starken rechtspopulistischer Parteien in Europa, von Feinden einer offenen Gesellschaft, von einer Kultur des Hasses, die zunehmend die Mehrheitsgesellschaft infiltriert. Ich höre solche Sätze in letzter Zeit öfter. Sie besorgen mich. Ich schalte das Radio wieder aus. „Ich muss mich auf den Straßenverkehr konzentrieren“, sage ich mir und mit einem Blick auf die Auffahrt, lenke ich mein Auto auf die A2 Richtung Bundeshauptstadt. Hinter mir liegt ein spannendes Wochenende auf dem WESTWIND Festival in NRW.In diesem Jahr war das Junge Schlosstheater in Moers der Gastgeber. Neben einer Auswahl von NRW-Inszenierungen waren internationale Gastspiele und ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Diskussionen und Gesprächen zu besuchen. Nach dem Festivaltrubel und dem üblichen Overkill an Gesprächen über die Produktionen genieße ich die Stille und das gleichmäßige Brummen des Motors. Mein starrer und leicht verkrampfter Blick nach vorne fordert seinen ersten Tribut. Mein Nacken schmerzt und der Weg zwischen NRW und meinem Zuhause kommt mir unendlich lang vor. Mein Ziel ist Moabit in Berlin-Mitte. Die Herkunft des Namens „Moabit“ wird auf seine ersten Bewohner, „die Hugenotten“, zurückgeführt. Die Flüchtlingsrouten der Hugenotten zogen sich durch ganz Europa; Räume für Ansiedlungen entstanden. Seit Jahrhunderten haben Neu-Berliner_innen ihre Fußabdrücke in der Stadt hinterlassen und die Geschichte der Stadt fortgeschrieben. Migration hat die Gesellschaft in Deutschland in der Vergangenheit verändert und wird sie auch in Zukunft verändern. Besonders Städte sind geprägt durch gesellschaftliche Vielfalt. Demnach erschreckt es mich umso mehr, wie sich ein Teil unserer Gesellschaft durch Exklusion vor einer konstruierten und angeblichen Bedrohung durch Migrant_innen und geflüchtete Menschen absichert.
Wie positioniert sich das Kinder- und Jugendtheater in der gesellschaftlichen Debatte um eine offene Gesellschaft?
Als Theatermacher_innen mit und für ein junges Publikum ist die Fokussierung und Beschäftigung mit der jeweiligen Zielgruppe und deren Lebenssituation die Voraussetzung für den eigenen Perspektivwechsel. Empathie für Andere verlangt Offenheit und Sensibilität und diese Eigenschaften werden in unserer Gesellschaft nicht primär gefördert. Wie kann demnach ein zeitgenössisches Kinder- und Jugendtheater gestaltet werden? In welcher Konsequenz und mit welchem Selbstverständnis wollen sich die Kinder- und Jugendtheater politisch engagieren und für eine offene Gesellschaft einsetzen? Welche Form der nachhaltigen und strukturellen Förderung brauchen sie? Was kann jede/r Einzelne, dafür tun?
Seit WESTWIND 2016 gibt es eine Arbeitsgruppe Transkultur in NRW, die sich zweimonatlich zu gegebenen Anlässen trifft. Passende Inszenierungen oder Projektvorstellungen bilden dabei den Impuls für gemeinsame Diskussionen über den Umgang mit Diversität und Transkultur im Kinder- und Jugendtheater mit dem Bedarf Definitionen und Begriffe zu klären, sowie Diskussionen über ästhetische Formen zu führen.
Beim diesjährigen WESTWIND gaben die eingeladenen Gäste, nach dem Vorbild amerikanischer Townhall-Debates, als Impulsgeber_innen kurze Statements zu den Fragen: Was für eine Gesellschaft wollen wir in der Zukunft sein? Wie öffnen wir uns anderen? Welche Möglichkeiten können wir schaffen, um diese Teilhabe gleichberechtigt zu gestalten? Zur Debatte im Mini-Amphitheater auf dem Gelände des Gymnasiums in den Filder Belden in Moers trafen sich Theaterleute und Menschen, die sich auf unterschiedliche Weise für eine offene Gesellschaft stark machen. Antje Dijksma (Alt-Moerserin) und Elie Azzi (Neu-Moerser) berichten, wie Begegnungen zwischen Geflüchteten und Ortsansässigen auf Augenhöhe gelingen können. Sascha Ivan zeigt mit der Initiative „Tellavision“, wie man ein Modelabel für Menschenrechte gründen und erhalten kann. Der Autor Jörg Menke-Peitzmeyer und der Festivalmacher und Übersetzer Hakan Silahsizoglu berichten über ihr Leben in Istanbul, einer Stadt, die von einer offenen in eine geschlossene Stadt verwandelt werden soll. Jan Schmidt vom „Backa Teater“ aus Göteborg berichtet über das Recherche-Projekt zu dem Theaterstück „Acts of Godness“: Junge Menschen aus Griechenland, Serbien, Deutschland, Frankreich, Rumänien, Ungarn, England, Italien, Spanien, Finnland, Niederlande und Schweden haben die Frage beantwortet, ob sie in ihrem Leben jemals einen Akt der Güte vollzogen haben. Hannah Biedermann von „pulk fiktion“ beschreibt: Für die Arbeit der Gruppe ist eine zentrale Frage, wie ein gemeinsames Leben mit allen Generationen, Nationen und Kulturen und ein zeitgenössisches Theater für alle aussehen kann.
Impulse aus Berlin
Im März 2016 mobilisierte das Bündnis My Right is Your Right! im Rahmen des Carnival Al-Lajiìn_Al-Lajiàat ca. 5000 Menschen, sich an einer Demonstration zu beteiligen und durch Kunst ihren Problemen und Forderungen einen Ausdruck zu verleihen. Das Bündnis bestand zu dieser Zeit aus Kulturschaffenden, Aktivist_innen, Jurist_innen, Geflüchteten, Kirchenvertreter_innen, Vereinen, Gewerkschafter_innen, Nachbarschaftsinitiativen, Einzelpersonen und weiteren Gruppen, die sich im November 2014 zusammengeschlossen hatten. Der Ausgangspunkt waren die Proteste um den Oranienplatz und die Ohlauer-Schule in Kreuzberg. Mehrere Berliner Theaterintendant_innen gehörten zu den Unterzeichner_innen eines offenen Briefs zur deutschen Flüchtlingspolitik an die Bürger_innen der Stadt, sich für die Menschenrechte von Geflüchteten einzusetzen. Im Juni 2017 folgte eine andere Demonstration mit einem künstlerischen Fokus: „Die Glänzende Demo“. Die Initiative „Die Vielen“ startete unter dem Motto „Vorhang auf, Grenzen auf: Bühne frei! Die Vielen“, und forderte die Berliner_innen auf, sich an einem Happening gegen den Hass zu beteiligen und sich gemeinsam gegen den Aufmarsch der „Identitären“ zu engagieren. Die Aufforderung lautete: „Bringt kleine Spiegel und Fahnen oder Umhänge aus goldenen Rettungsdecken mit. GEGEN NAZIS GLANZ!“ Beteiligt waren vor allem Künstler_innen, Ensembles und Akteur_innen der Darstellenden Künste und weiterer künstlerischer Sparten der freien Szene Berlins, unterstützt von der Akademie der Künste und dem Performing-Arts-Festival.
Neue Formen der Zusammenarbeit
Spartenübergreifende Institutionen und Organisationsformen befassen sich mit Fragen der Gegenwart und nehmen mit ihrer Arbeit die gesamte Gesellschaft in den Blick. Theatermacher_innen in NRW engagieren sich in ihren Debatten um den Abbau lokaler Bildungsbarrieren, für neue Vorbilder und Repräsentant_innen auf, hinter und neben der Bühne, mit der Folge, dass sich die kulturelle Diversität der Städte zunehmend in den Programmangeboten der Theater widerspiegelt. Mit dem Einsatz von ästhetischen Mitteln werben die Berliner Künstler_innen um gesellschaftliche Aufmerksamkeit und verleihen einem politischen Bewusstsein einen Ausdruck, welcher sich öffentlich gegen rechtspopulistische Positionen richtet. In diesem Dreiklang aus ästhetischer Bildung, politischem Engagement und lokaler Zusammenarbeit entstehen in NRW und Berlin stetig neue Bündnisse.
Während ich mir wiederholt die Frage stelle, welchen Platz ich selbst in meiner Argumentation einnehme und wie ich Strukturen so beeinflussen kann, dass aus einer Haltung eine Handlungspraxis entsteht, rollt mein Wagen langsam in die Einfahrt meiner Straße in Moabit ein, ein letzter Schulterblick folgt und ich komme endlich Zuhause an.
Sarah Kramer ist Theaterpädagogin am Jungen Staatstheater THEATER AN DER PARKAUE und lebt in Berlin | blog.westwind-festival.de

















