Essay
TdZ+ ProLehrmaterial Text
Ein Plädoyer für mehr Diversität in der Textauswahl
von Sophia Güttler
Erschienen in: Edition Bayerische Theaterakademie August Everding 4: Sprechen Gestalten – Sprechen in Theater, Ausbildung und Praxis (10/2026)
Im Sprechunterricht mit Schauspielstudent:innen werden Texte als Lehrmaterial genutzt – hierunter sei ansprechende und anspruchsvolle Literatur zu verstehen. Dabei kommen nicht nur dramatische oder postdramatische Theatertexte zum Einsatz, sondern auch Lyrik und Epik. Mit ihnen lernen wir (neue) Inhalte, (neue) Formen, (neue) Bedeutungsspielräume und damit nicht zuletzt (neue) Denkstrukturen verschiedener Menschen, verschiedener Zeitepochen kennen. Ich schreibe „wir“, denn so wie sich die Schauspielstudent:innen den Texten widmen und lernen, lernen wir Sprechdozent:innen ebenfalls. Wir lernen, wie Menschen ticken und ticken können – um im Zeitbild zu bleiben –, indem wir im Unterricht gemeinsam Texte von Autor:innen durchdringen. Es gibt dabei drei Ebenen des Zeitverstehens: erstens die Zeitebene, in welcher der:die Autor:in lebt(e), zweitens die Zeitebene, in welcher der Textinhalt stattfindet, und drittens die Zeitebene, in der wir uns im jeweiligen Hier und Jetzt verorten. Diese Ebenen können zusammenfallen oder jeweils für sich stehen. Eine Auseinandersetzung damit bleibt nie aus. In allen Ebenen spielt der Mensch, verhaftet im Denken seiner Zeit, eine entscheidende Rolle, weil durch die Auseinandersetzung mit den Texten Facetten menschlicher Denkmuster deutlich werden, die sich in unterschiedlichen Zeiten und Gesellschaftssystemen anders kristallisieren.1
Als Sprechdozent:innen öffnen wir Räume, in denen die Schauspielstudent:innen schriftlich fixierte Gedanken und Gefühle verstehen lernen....















