Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Wo ist Wir? – Armin Petras in Stuttgart (03/2016)

Anzeige

Buhrufe bei den Premieren, Zuschauerzahlen, die leicht sinken – nicht immer oder, besser gesagt: immer seltener bewahren Kulturpolitiker in einer solchen Situation einen kühlen Kopf. In Stuttgart indes ist das anders. Während sich Schauspielintendant Armin Petras auch in seiner dritten Spielzeit noch durch die wechselüblichen Phasen des Federnlassens manövriert, wie unser Korrespondent Otto Paul Burkhardt berichtet, hat die Stadt seinen Vertrag vorzeitig bis 2021 verlängert. Einen „künstlerischen Unruheherd“ nennen ihn die Kulturpolitiker lobend, wohl wissend, dass Theater nicht heißt: kurz und knackig – und durchschaubar. Für unseren Stuttgart-Schwerpunkt sprach Armin Petras in der Reihe zum Neuen Realismus mit Nicole Gronemeyer über die Lesbarkeit oder eben Nicht-Lesbarkeit seines Theaters. Sein Alter Ego Fritz Kater liefert mit „I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge)“, das wir in diesem Heft veröffentlichen, das passende Stück dazu.

Auch Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling besitzt einen kühlen Kopf. Und zwar jenen eines kühl kalkulierenden Bauherrn. Skrupellos muss man seine Entscheidung nennen, zugunsten eines teuren Neubaus am Volkstheater Rostock jetzt Tabula rasa zu machen. Weg mit Schauspiel und Tanz! Das Volkstheater soll ab 2018 ein reines Opernhaus werden. Einen „ultimativen Irrsinns-Coup“ nennt Gunnar Decker diesen Entscheid, eine „bösartige Schildbürgerei“, besitzt Rostock zwar eine ausgeprägte Operntradition, aber eben auch eine große Tradition im Schauspiel. Davon zeugen nicht zuletzt die Inszenierungen zahlreicher Stücke von Rolf Hochhuth, mit dem sich Thomas Irmer und Cornelia Klauß anlässlich seines 85. Geburtstages am 1. April über den Stand – oder eben Missstand – der Demokratie unterhielten.

Weltliebe und Kämpfertum – kaum jemand vereinte diese beiden Lebenshaltungen so konsequent wie der Berliner Germanistikprofessor Frank Hörnigk. Von ihm ging, wie Friedrich Dieckmann schreibt, jener Wärmestrom aus, „den Ernst Bloch für ein unabdingbares Element jedes gelingenden Sozialismus hielt“. Kein Wunder, dass das Lebenswerk dieses „unermüdeten Fahrensmannes“ magischen Zahlen unterlag. „Binnen 13 Jahren (brachte er) (…) eine 13-bändige Gesamtausgabe der Müller’schen Texte zustande.“ Friedrich Dieckmann und Harald Müller erinnern an Frank Hörnigk, der am 30. Januar überraschend verstarb.

An Heiner Müller und seinen radikalen Zeitanalysen hätten sicherlich auch die jungen Theatermacher in der Ukraine ihre Freude. In Natalia Voroschbits Stück „Wi 2.0“ ist es eine vampirähnliche Gestalt aus einer Gogol-Erzählung, die in der Jetztzeit wieder aufmarschiert. Tom Mustroph und Thomas Irmer waren für uns in der Ukraine und berichten von den schwierigen Emanzipationsversuchen der jungen Theaterszene dort. Es sind Realitätserkundungen, die offenbar einen Schmerzpunkt treffen; auf den staatlichen Bühnen, die eher auf Sicherheit setzen, finden sie schwer Platz.

Für das Münchner Residenztheater ist Sicherheit indes keine Kategorie. Mitte Mai wird hier ein Stück gezeigt, das nicht nur inhaltlich politischen Sprengstoff birgt. „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel thematisiert den Völkermord des Osmanischen Reiches an den Armeniern. „Eine immer noch offene Wunde im armenisch-türkischen Doppelporträt“, schreibt Gunnar Decker. Regisseur Nuran David Calis wird diesen Roman von türkischen, armenischen und deutschen Schauspielern spielen lassen. Irina Schicketanz entwirft die Bühne dazu. Ihre Arbeiten zeigen wir in unserem Künstlerinsert. //

Die Redaktion

teilen:

Neuerscheinungen im Verlag

Theater der Zeit Cover Juni 2026
Theater der Zeit Cover Mai 2026 – Florentina Holzinger

Anzeige