Auftritt
Bühnen Bern: Die Hitzetoten landen im Paradies
„Ewige Sonne“ nach den Romanen „Sturz in die Sonne“ und „Dorf im Himmel“ von Charles Ferdinand Ramuz – Regie Tilmann Köhler, Bühne Karoly Risz, Kostüme Susanne Uhl, Musik Matthias Krieg, Choreografie Gal Fefferman
von Elisabeth Maier
Assoziationen: Theaterkritiken Schweiz Tilmann Köhler Bühnen Bern

Ein Roman aus dem Jahr 1922 sagt die Klimakrise voraus. Charles Ferdinand Ramuz beschreibt in „Sturz in die Sonne“ die letzten Stunden einer Menschheit, die weiß, dass sie zum Sterben verdammt ist. Wegen eines Gravitationsfehlers stürzt die Erde in die Sonne zurück, es wird immer heißer. Regisseur Tilmann Köhler setzt mit dem Schauspielensemble der Bühnen Bern auf die Zeitlosigkeit des Stoffs. Ihn interessieren die existenziellen Ängste der Menschen, denen der Tod durch Verbrennen droht.
In Zeiten von Klimawandel und Hitzewellen liegt die Aktualität des Stoffes auf der Hand. In Sommern mit Tausenden Hitzetoten wühlt das Thema auf. Ramuz, der in der französischsprachigen Schweiz lebte, schrieb in den 1920er Jahren in wulstigen Sprachbildern von der Vernichtung. Zu dem Werk hatte ihn der Hitzesommer 1921 inspiriert. „Heute Abend kein See mehr, und schon lange kein See mehr; das ist es vielleicht, was begonnen hat, Angst zu machen, diese Art Loch, die im Raum entstanden ist.“ Mit Passagen wie diesen rückt Ramuz’ Text, der stellenweise antiquiert und sperrig wirkt, nah an die Erfahrungswelt des Publikums heran. Denn auch in der Schweiz haben die Seen und Flüsse Niedrigwasser, die Uferbereiche trocknen aus. Diese Angst vermittelt das siebenköpfige Berner Ensemble stark. Die prophetische Kraft des Literaten unterstreicht diese Produktion.
Ebenso spielt Regisseur Köhler mit dem poetischen Tiefgang der Texte. Die Welt der Malerei hatte Ramuz zeit seines Lebens fasziniert. Und obwohl er selbst kein Maler war, setzte er auf eine bildhafte Sprache. Damit bricht Bühnenbildner Karoly Risz auf der offenen Bühne in den Berner Vidmarhallen bewusst. Er hat einen königsblauen Raum geschaffen, der mit Kisten im selben Farbton strukturiert ist. Das schafft eine eisige Atmosphäre. Mal bauen die Spieler:innen daraus Treppen. Dann wird eine lange Box zum Sarg, in der die ersten Toten begraben werden.
Die Sprachbilder übersetzt Gal Fefferman mit dem Ensemble in eine Choreografie, die der drohenden Apokalypse ein einzigartiges Gesicht gibt. Die Kraft der Gemeinschaft beschwören Jan Maak und Susanne-Marie Wrage als Ehepaar, das dem kollektiven Sterben die individuelle Liebe entgegenstemmt. Marie Eick-Kerssenbrock setzt dem unausweichlichen Schicksal Mut und Kraft entgegen. June Ellys Mach trotzt selbst dem Tod noch eine vergnügliche Seite ab. Die Lust, mit der sich das Ensemble auf die stimmige Choreografie einlässt, macht den Abend so fesselnd.
Im zweiten Teil entführt Köhler das Publikum in das „Dorf im Himmel“. Da sind Ramuz’ Protagonisten im Paradies angekommen. Setzte Kostümbildnerin Susanne Uhl im ersten Teil noch auf klare Farben und stilistische Strenge, schöpft sie nun aus dem Vollen der schweizerischen Folklore. Doch das Glück der Toten hat Risse. Denn in diesem Garten Eden ist alles schön. Kilian Land erinnert an die Zeit auf der Erde, als nichts perfekt war: „Damals gab es den Winter, es gab den Winter, wo man krank war, der Winter selbst war eine kranke Jahreszeit – nun gab es keinen Winter mehr.“ Den Satz sagt der Schauspieler leise und bedacht. In seiner Stimme schwingt Sehnsucht mit. Denn erst durch Frost und Schnee gab es damals die Vorfreude auf den Sommer.
Mit der Musik strukturiert Matthias Krieg den Abend, der gerade in den Momenten besticht, wenn die Sprache versagt. Die traumatischen Klanglandschaften sind Triebfeder der Dramaturgie. Die Körper der Spieler:innen verraten Todesangst, Sehnsüchte und Schmerz. Und doch gibt es immer wieder Momente, in denen Ramuz’ nadelfeiner Humor sich den Weg durch die Textlandschaft bahnt. Wenn Jan Maak sich mit sichtlicher Lust am Komischen an Rückenschmerzen und sonstige Zipperlein erinnert, darf das Publikum auch mal befreit lachen. Solche Momente gibt es in Tilmann Köhlers Lesart zu selten.
Mit der Bühnenadaption von Charles Ferdinand Ramuz’ Romanen haben Chefdramaturgin Felicitas Zürcher und ihr Team an den Bühnen Bern nicht nur spannende Literatur wiederentdeckt. Der Übersetzer Steven Wyss landete mit seiner Erstübersetzung von „Sturz in die Sonne“ im Jahr 2023 bereits einen Coup. Tilmann Köhler und das Berner Ensemble befreien die Texte mit ihrem zeitlosen Ansatz vollends von der antiquierten Schrulligkeit. Die klug gezeichneten Menschenbilder, die Ramuz im Angesicht des Untergangs entwarf, holt Köhlers und Feffermans konsequentes Körpertheater beherzt ins 21. Jahrhundert.
Erschienen am 4.11.2026



















