Essay
TdZ+Exodus
Eine kurze Bestandsaufnahme der russischen Theateremigration
von Olga Fedyanina
Erschienen in: Theater der Zeit: Russische Theaterkünstler im Exil (10/2026)
Assoziationen: Dossier: Russland

1.
Um zu verstehen, was mit dem russischen Theater nach 2022 geschah, muss man kurz beschreiben, was da eigentlich seinen Ort verlor.
Das russische (ehemals sowjetische) Theater war vor allem „Repertoiretheater“: große Häuser mit festen Ensembles, eine Institution neben anderen Institutionen, ein Haus mit Säulen zwischen dem Bezirkskomitee der Partei und der Universität. Nach dem Ende der Sowjetunion entstand daneben eine bewegliche Landschaft aus unabhängigen Gruppen, Werkstattformaten und temporären Zusammenschlüssen. Die Grenze war durchlässig, Menschen und Projekte wechselten zwischen beiden Systemen.
Diese alt-neue Architektur hatte sich über 30 Jahre entwickelt. Und ich wage, im Voraus mit sämtlichen Einwänden einverstanden, die Behauptung: Zu Beginn der 2020er Jahre war das Theater trotz wachsenden politischen Drucks die lebendigste Kunst in Russland – und zugleich eine, die sehr genau wahrnahm, was im europäischen Theater geschah.
2.
2022 begann es die Menschen aus dem Land „hinauszutragen“. Überspringen wir hier das Sich-Einrichten, die Hektik, die Ungewissheit und die bürokratischen Fallen. Das alles kostet unvorstellbar viel Zeit und Kraft. So sehr die Europäer selbst unter ihrer Bürokratie leiden mögen – sie wissen nicht, wie sie sich für jemanden anfühlt, der buchstäblich „in der Luft hängt“.
Klammern wir das also aus und sagen möglichst emotionslos: Da ist eine...
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