Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Der Auftrag – Lars-Ole Walburg und Sewan Latchinian (10/2015)
Menschen auf Bahnhöfen, Fähren, Schlauchbooten, vor Schlagbäumen, Hundertschaften und neu errichteten Zäunen. Die Bilder, die Europa in der gegenwärtigen Flüchtlingskatastrophe generiert, sind verstörend. Die Herausforderungen für Staat und Gesellschaft enorm. Während hierzulande Tausende von Ehrenamtlichen das leisten, wozu staatliche Institutionen allein kaum noch in der Lage sind, kursiert im Internet und auf der Straße der Hass.
Wie platziert sich in dieser Situation eine Inszenierung wie Rimini Protokolls „Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2“? Als riskante Aktualisierung einer Hetzschrift, die nach wie vor von rechten Gruppierungen verehrt wird? Wohl kaum. Oder besser gesagt: auch. Denn wie alle Rimini-Abende ist auch dieser aus vielen verschiedenen Perspektiven gebaut. Eine Entmythisierung, aber auch eine Vergegenwärtigung eines Buches, dessen Copyright zum Jahresende ausläuft. Thomas Irmer schreibt über diesen Abend beim Kunstfest Weimar, während der Berliner Philosoph Marcus Steinweg und der Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg in diesem Kontext über die gefährlichen Spielarten von Rassismus in der Gegenwart nachdenken.
„Durch die visuelle und emotionale Wucht von Ereignissen wie der gegenwärtigen Flüchtlingskatastrophe scheint die europäische Kunst (…) von der Realität direkt zum Handeln aufgefordert zu sein.“ Wie aber könnte dieses Handeln, nach dem Rolf Bossart den Schweizer Autor und Regisseur Milo Rau befragt, bestenfalls aussehen? Die Antworten in diesem Heft sind kontrovers. Während Rau in unserer Reihe zum Neuen Realismus als aktivistischer Künstler unmittelbar eingreifen will ins Getriebe der Welt – eben auch mit Stücken, die wie „Das Kongo Tribunal“ mitten hineingehen in aktuelle Konflikte –, plädieren die Intendanten Sewan Latchinian und Lars-Ole Walburg im Gespräch mit Dorte Lena Eilers und Gunnar Decker für ein Theater, das durchaus auch mit größerem räumlichen und zeitlichen Abstand auf das zu Verhandelnde blickt. Mit einem Abstand auch, der sich jeglicher politischer Vereinnahmung – „Was macht ihr denn dazu?“ – entzieht. „Wir machen seit Jahren ständig etwas mit Flüchtlingen und für Flüchtlinge“, so Walburg. „So zu tun, als müssten wir jetzt sofort Stücke, die es noch gar nicht gibt, zu diesem Thema auf die Bühne stellen, ist geradezu abstruser Aktionismus.“
Johan Simons hat es dennoch getan: ein Stück über die Neuankömmlinge in Deutschland inszeniert. Zumindest sieht er in dem Subproletariat, das Pier Paolo Pasolini in seinem Film „Accattone“ 1961 porträtierte, eine Parallele zu den Arbeitssuchenden aus Afrika und vom Balkan. Wie konträr eine solche Deutung zur unmittelbaren Realität des Aufführungsortes sein kann – Simons ließ in einer stillgelegten Kohlenmischanlage in Dinslaken spielen –, zeigt die Reaktion des Dinslakener Vizebürgermeisters Eyüp Yildiz. Dieser warf Simons vor, die Stadt und ihre prekären Verhältnisse bloß als Kulisse für ein Kunstspektakel zu benutzen, um dann schnell weiterzuziehen. Martin Krumbholz hat mit dem Intendanten der Ruhrtriennale über seine Arbeit am „Accattone“-Stoff gesprochen. Fotos seiner aufwühlenden Inszenierung, die auch die beeindruckenden Dimensionen der Industriekathedrale zeigen, sind in unserem Kunstinsert zu sehen.
„The Power“. Ein schlichter Titel zu einem komplexen Stoff. Und, wenn man so will, die Ursache und damit Kehrseite der gegenwärtigen Situation. Für die National Theater Company of Korea hat Nis-Momme Stockmann ein Stück geschrieben, eine Art Universalabrechnung mit einem System, das in seinem Kreislauf von Konsum und Konsum und noch mal Konsum die Reichen reicher und die Armen ärmer macht. Kerstin Car war bei dieser Götzendämmerung in Seoul dabei, die in der Regie von Alexis Bug zeigt, wie schwierig der Ausstieg aus dem System ist. „Austritt aus der Unmündigkeit? Nö.“ Oder doch? Unbedingt. //
Die Redaktion
















