Auftritt
HAU Berlin: Das Abendmahl der Menschenfresserinnen
„Etwas Schreckliches wird passieren: Die Menschenfresserin“ von Sophia Süßmilch – Regie Sophia Süßmilch, Bühne Theresa Scheitzenhammer, Kostüme Julia Bosch, Musik Henrike Henoch und Ilgen-Nur Borali, Licht Leo Schneidermann, Choreografie Jeanna Serikbayeva
Assoziationen: Performance Theaterkritiken Berlin Dossier: Uraufführungen Hebbel am Ufer (HAU)

Ein blau angemalter Körper, sechs Silikonbrüste, Clownsschminke und zwei geflochtene Zöpfe – so steht die Künstlerin Sophia Süßmilch vor dem Eisernen Vorhang des Berliner HAU1. Es ist die Premiere von „Etwas Schreckliches wird passieren: Die Menschenfresserin“, ihrer ersten Inszenierung am Theater. Zuvor waren Süßmilchs Arbeiten in Form von Gemälden, Fotografien, Skulpturen und als Performances im Rahmen von Ausstellungen oder Videoaufzeichnungen zu sehen. Jetzt steht sie an der Rampe; vor einem Publikum, das – so erzählt es uns die blau angemalte Clownsfigur – seit Jahrhunderten die Angewohnheit habe, sich in „alten, miefigen Gebäuden“ zu versammeln, um auf eine Geschichte zu warten. Und während der Vorhang noch den Blick auf den Bühnenraum abschirmt, steigt langsam die Neugierde auf das, was hinter dem eisernen Tor darauf warten könnte, auch diesem Publikum eine Geschichte zu erzählen: Welche wird das wohl sein? Wird tatsächlich etwas Schreckliches passieren? Wird die Menschenfresserin am Ende die ganze Bude anzünden? Ein abgedruckter Ausschnitt des Stücktextes, der vor Beginn der Aufführung im Foyer auslag, gibt – in Anlehnung an Valérie Dayres Buch „Die Menschenfresserin“ – einen sprachlichen Vorgeschmack: „Es war einmal eine Frau. Die hatte im Leben schon viel geschluckt. Es war einmal eine Frau, die war viele Frauen. Es war einmal eine Frau, deren Magen so leer war, dass ganze Winter hineinpassten, ganze Monde und Sonnen und Sterne und Kinderbeine.“
Zunächst hebt sich der Vorhang nur einen Spalt: Füße kommen zum Vorschein. Sie tanzen spielerisch in einer Reihe. Im Anschluss an diese gemeinsame Schrittfolge verschwindet die eiserne Brandschutzeinrichtung dann allerdings doch noch vollständig im Schnürboden, und der Saal versteht: Die Füße gehören zu einer Gruppe Zirkuszelte – als rot-weiß gestreifte Kreisel drehen sie sich über die Bühne. Sie funkeln und treiben eine Weile im Scheinwerferlicht; bis die Innenleben der Stoffzelte schließlich ihre Schneckenhäuser abwerfen und der Saal mit der kannibalisch-feministischen Clownstruppe Bekanntschaft macht: Rüschen, Pierrotkragen, ein paar Punkte auf nackter Haut und ein Haufen teuflischer Fratzen. So streifen die Performerinnen (Pauline Afaja, Jemima Rose Dean, Lelah Neary, Lucia Peraza Rios, Jeanna Serikbayeva und Leni Ulrich) durch die Publikumsreihen und begutachten ihr potenzielles Abendmahl; wie es in den samtigen Sesseln des HAU1 auf ein paar mundgerechte Happen feministischer Geschichten wartet. Moment mal: Wer konsumiert hier eigentlich wen? Süßmilch kehrt die Anordnung um: Der weibliche Körper, der sonst als Produkt des Konsums um seine Vernichtung bangt, zelebriert den Hunger des konsumierenden Subjekts.
Auf einem blutrünstigen Streifzug durch das reich bestückte Bilderbuch der Menschenfresserinnen wächst von Szene zu Szene ein Festmahl der Geschichten heran: eine rassistische Oma, deren Schädel von einem Bilderrahmen gespalten wird; ein grossophober Chirurg, der beim Schnitt durch das Fettgewebe vor lauter Ekel mit seinem Skalpell abrutscht und sich ein Auge aussticht; und die mordlustige Ehegattin, die eine Kette mit dem Fingerknöchel ihres Mannes um den Hals trägt. Mit jeder Geschichte scheint der Hunger der Clowns zu wachsen: „Der Magen ist taub / Die Straßen leer / Ich kaue die Kinder / die Götter den Teer / Der Himmel hängt voll / mit weißem Fett / Die Welt legt sich / ins Sterbebett / Die Milch schmeckt nach Eisen / Das Herz schmeckt nach Muskel / Alles – Asche – Hunger – Alles“, singen sie im Chor. Und so, als hätte sich ein Gewitter über dem Zirkuszelt zusammengebraut, fallen immer wieder überdimensionale Plüschteddys vom Theaterhimmel; häufen sich auf dem Bühnenboden. Ein flauschiger Haufen Männerleichen?
Während misogyne Witze in der heißen Magensäure der Menschenfresserinnen brodeln, scheut sich Süßmilchs Inszenierung nicht vor einer ordentlichen Portion Selbstkritik: Ein Monolog der Performerin Lucia Peraza Rios‘ nimmt die wunden Punkte dieser Arbeit in den Blick; schaut auf die Stellen, an denen es weh tut – an denen sich Spaltung nicht ignorieren lässt, an denen Kunst auf Vermarktung trifft. Doch neben dem Schmerz ist da immer noch dieser unbändige Hunger – er scheint die Kannibalinnen im Namen der Wut zu vereinen: Mit Gaffer-Tape schnüren sie den Teddys Arme und Beine zusammen, sezieren das plüschige Innere und verköstigen die Organe. Dazu ihr Manifest: „Wut ist die Frage, wann der Körper anfängt Gewalt auszuüben.“ Das Publikum wohnt einem Schlussbild nach dem anderen bei; es scheint so, als ließe sich der Hunger der Clowns einfach nicht stillen. Aber diese Wut ist schließlich auch kein Akt der Lust. Sie ist ein Akt des Schmerzes. Ein Akt, der sich danach sehnt, dem Schmerz der Unterdrückung ein Ende zu setzen. Und so ist es nur konsequent, dass der Chor der Menschenfresserinnen ihre scharfen Zähne am Ende dieses Abends im eigenen Fleisch versenkt: „Und mit jedem Bissen wurde ihr leichter ums Herz. Sie fraß ihren Arm, sie fraß ihren Bauch. Und schließlich fraß sie auch ihr vergorenes Herz. Und je weniger von ihr übrig blieb, desto glücklicher wurde sie.“
Erschienen am 15.9.2026




















