Auftritt
Staatstheater Hannover: „Inception“ in manisch-depressiv
„Haus zur Sonne“ nach Thomas Melle (UA) – Regie Adrian Figueroa, Bühne Irina Schicketanz, Kostüme Malena Modéer, Musik Ketan Bhatti, Video Guillaume Cailleau
Assoziationen: Theaterkritiken Niedersachsen Dossier: Uraufführungen Adrian Figueroa Thomas Melle Schauspielhaus Hannover

„So nicht weiter? Wir machen es anders!“ Was der namenlose Protagonist (Jan Meeno Jürgens) zunächst für Satire hält, wird in den nächsten 100 Minuten als Realität behauptet: das „Haus zur Sonne“. Nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Melle bringt Adrian Figueroa ein wahnsinniges Stück auf die Schauspielbühne des Staatstheaters Hannover. Der Text geht im Zusammenspiel aus Bühnengestaltung, Sound und Videodesign derart auf, als wäre alles einem Kopf entsprungen. So trippig war Dystopie noch nie.
Nach zweijähriger manischer Phase hat der Protagonist aus seinem Leben ein Trümmerfeld gemacht und weiß sich – nun in tiefer Depression – nicht zu helfen. Lebensmüde fällt ihm im Jobcenter ein Flyer in die Hand, der für das „Haus zur Sonne“ wirbt. Staatlich finanziert werden einem in dieser Einrichtung alle Wünsche erfüllt – unter der Bedingung, an Ort und Stelle schließlich sein Leben zu beenden. Satirisch wirkt das Stück mitunter: die Klient:innen tragen alberne Anzüge, bunt und übergroß. Anja Herden trifft die Rolle der Therapeutin grandios, indem sie immer wieder mit übertrieben geheucheltem Interesse in den Protagonisten eindringt. Vor dem Hintergrund der „Selbstabschaffung“ wirkt all das aber bitterböse. Und die Szenerie kippt. Immer wieder.
Was zunächst wie eine angenehme Reha-Einrichtung wirkt und viel Rausch sowie Wunscherfüllung per perfekter technischer Illusion verspricht, wird im nächsten Augenblick creepy. Wie die Angestellten ganz in Weiß mit ihrer abwaschbaren Mimik immer wieder plötzlich und viel zu nah im Bild stehen. Wie sie mit den anderen Klient:innen körperlich werden. Wie dem Protagonisten keine Ruhe gelassen wird, im Servicesprech permanent nach seinen Bedürfnissen gefragt wird. Was er sich wünschen soll? Der namenlose Protagonist kann sich nicht entschließen. Doch Depression ist hier nicht grau, dunkel oder leise. Fortan werden ihm Wünsche und Illusionen aufgedrängt.
Riesige Videoscreens und ein wuchtiger Dolby-Sound ziehen das Publikum mit hinein in die Illusionen des „Haus zur Sonne“. Wir sehen überlebensgroße Projektionen von Natur, aber auch wirre Farbspiele. Ein Screen stellt eine Kulisse her, ein anderer fährt immer wieder mitten in das Bühnengeschehen hinein. Dazu kommt permanent ein bodendeckender Bühnennebel, der die Spielenden immer wieder einhüllt. Die sich voreinander schiebenden Elemente evozieren Illusionen in den Illusionen. Was echt ist und was nicht in der Welt des „Haus zur Sonne“ und in der Erzählung, die uns gezeigt wird, verrutscht immer wieder, wie das minimalistische Bühnenbild, das sich ständig hebt und senkt und hin und her gleitet. Alles ist ineinander verschränkt. Ein „Inception“-Erlebnis. Dabei ist kein Schnörkel zu viel, keine Erzählschleife unnötig. Die Bühnenshow ist aufgepumpt, aber auf das Wesentliche fokussiert: Das Begreifen, wie es sich im manisch-depressiven Kopf anfühlt, in dem der Protagonist gefangen ist, wird körperlich.
Bis die Illusion durchbrochen wird. Die Bildschirme verschwinden, der nackte Hinterbühnenraum wird sichtbar. Je kälter das Licht wird, je hyperrealer die Figuren aussehen, umso mehr hinterfragt der Protagonist, was das alles soll. In einem kurzen manischen Anfall scheint er noch einmal rebellischen Lebensmut zu finden. Prangert das System an, das sich mit dieser Institution seiner überflüssigen Bürger:innen entledigt. Doch er bleibt, wie alle anderen Klienten, allein in seinem eigenen Film. Emanzipationspotenzial scheint die Krankheit nicht bereitzuhalten. Das „Haus zur Sonne“ auch nicht. Sein Fluchtversuch scheitert. Oder war auch der nur Illusion? „Wir wollen das!“, beschwören die anderen immer wieder. Und das Personal versucht, den Protagonisten zu überzeugen, dass sein Leben draußen nur scheitern kann. Aber muss es wirklich so laufen? Die Bühnenillusion kehrt zurück für das Grande Finale: sein letzter technisch herbeigeführter Rausch, während dessen ihm eine Giftspritze verabreicht wird. Oder ist auch sein Tod nicht echt?
Das „Haus zur Sonne“ als Gedankenexperiment durchgespielt zu haben, kann auch eine Auflösung sein. So weiter ist schon mal nicht die richtige Entscheidung. Dass man weder hoffnungslos noch mit eindeutigen Antworten zurückbleibt, ist die Kirsche auf der Torte eines perfekt abgerundeten Werks.
Erschienen am 14.10.2026


















