Theater der Zeit

Essay

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Hoffnungserzählungen

Die Oper kann auch heute noch Utopien formulieren – aber auch gesellschaftliche Apokalypsen beschreiben

von Stefan Keim

Erschienen in: Theater der Zeit 10/2026: Neues Musiktheater – Krise, Kanonkritik und Zukunft (09/2026)

Assoziationen: Musiktheater Bayern Theater Dortmund Theater Ulm

„Le Petit Pauvre d’Assise“, Musikalische Leitung Felix Bender, Inszenierung Kay Metzger am Theater Ulm, hier mit Samuel Levine als Franz von Assisi
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„Le Petit Pauvre d’Assise“, Musikalische Leitung Felix Bender, Inszenierung Kay Metzger am Theater Ulm, hier mit Samuel Levine als Franz von AssisiFoto: Jochen Quast

Die Bestie Mensch und die Dysfunktionalität des kapitalistischen Systems zu beschreiben, scheinen viele Theaterschaffende gerade als ihre Hauptaufgabe zu betrachten. Mit Recht, natürlich. Denn ist es angesichts der Kriege und Katastrophen nicht naiv, doof oder schlicht unmöglich, auf einer Bühne noch eine positive Utopie zu entwerfen? Das Schauspiel hat dieses Unterfangen weitgehend aufgegeben. Doch in der Oper hat es überlebt.

Das hängt mit der Geschichte des Genres zusammen, denn die prächtigen und aufwendigen Stücke wurden jahrhundertelang im Auftrag des Adels aufgeführt. Sie dienten der Repräsentation, der Feier der Macht und der Mächtigen. Im Barock mussten die Opern ein gutes Ende haben, ein lieto fine, und den Auftraggebern huldigen, also das System stabilisieren. Das Bürgertum hat diese Sehnsucht nach einer harmonischen Welt im 19. Jahrhundert adaptiert. Und weil im Gegensatz zum Sprechtheater in der Oper die Stückgrundlage – Libretto und Partitur – bis auf Kleinigkeiten noch weitgehend als unantastbar gilt, überleben diese Botschaften bis heute.

Als das Regietheater sich der Oper bemächtigte, haben Regisseur:innen wie Ruth Berghaus, Peter Konwitschny und Dietrich Hilsdorf die Stücke szenisch unterlaufen, ironisiert und mit der bösen Gegenwart kontrastiert. Das war eine Zeit lang spannend, jetzt scheint sich diese Bewegung totgelaufen zu haben. Hilsdorf zum...

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