Auftritt
Salzburger Festspiele: Die Schlachthöfe der KI
„Unter Tieren“ von Elfriede Jelinek (UA) – Regie Nicolas Stemann, Bühne Katrin Nottrodt, Kostüme Marysol del Castillo, Mediale Inszenierung Claudia Lehmann, Konrad Hempel & IXA, Musik Thomas Kürstner & Sebastian Vogel. Eine Ko-Produktion der Salzburger Festspiele mit dem Burgtheater Wien.
von Elisabeth Maier
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In ihrem letzten Stück würden nur noch Tiere sprechen, sagt die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Nicolas Stemann, Regisseur der Uraufführung, steht zu Beginn selbst auf der Bühne und liest diese knappe Botschaft vor. Jelinek erkundet in komplexen, schwer zu durchdringenden Textflächen Mechanismen des Kapitalismus, die Stemann mit den Schauspieler:innen des Burgtheaters nicht nur zu entschlüsseln versucht, sondern auch als düstere Zukunftsvision weiterdenkt. Denn am Ende übernimmt Künstliche Intelligenz die Macht auf der Bühne. Dann sind die Menschen ganz verstummt.
Der Ritt in die Zukunft, auf den Stemann das Publikum in der vierstündigen Produktion auf der Pernerinsel in Hallein mitnimmt, verstört und überzeugt. Pausen gibt es nicht. Das Publikum darf jederzeit den Saal verlassen und sich in der Salinenhalle ein Getränk holen. Bildschirme übertragen das Geschehen nach außen. Zwar nervt die Selbstinszenierung des Regisseurs, der 2027 die Intendanz am Schauspielhaus Bochum übernimmt, wenn er im Verlauf des Abends immer wieder das Wort ergreift. Stemanns „Textumsetzungsmaschine“, wie er seine Inszenierung am Anfang bezeichnet, wird Jelineks Literatur jedoch sehr gerecht.
Die Nobelpreisträgerin macht ihre Kapitalismuskritik an realen Personen fest. Da hat sie den österreichischen Handelsunternehmer René Benko im Blick: Über seine Geschäftspraktiken sinnieren Tauben. In dunklen Business-Anzügen (Kostüme Marysol del Castillo) berichten Caroline Peters, Mavie Hörbiger und Azaria Dowouna-Hammoud von den Kaufhäusern und der Signa-Gruppe, die pleite gegangen sind und von den vielen Großkrediten, die ohne Prüfung von Sicherheiten gewährt worden sind. Der Name fällt nicht. Sebastian Rudolph und Thiemo Strutzenberger tanzen mit Benko-Masken aus Papier. Sie bringen alles in Sicherheit, was auf der offenen Bühne von Katrin Nottrodt nicht niet- und nagelfest ist. Die Symbole des Luxus schleppen sie weg. Für die Vögel bleiben nur Pizzareste und abgefressene Burger.
Wie in einer Revue trennt die Bühnenbildnerin die Spielfläche in Abschnitte. Mal lesen die Schauspieler:innen Jelineks Textmaschine vom Blatt ab. Das erschlägt das Ensemble wie auch das Publikum. Dann kitzeln sie die ironischen, tiefen Momente heraus, die ihre Literatur so spannend machen. Grandios interpretiert Caroline Peters die Gedanken eines Hasen, der einen Kredit aufnehmen möchte, aber durch das Raster der Bonität fällt. Aus einem Zylinder will das Tier Geld zaubern, was aber nicht klappt.
Wie verzweifelt Jelineks Sprachkunst sein kann, offenbart Mavie Hörbiger in der Rolle eines Schweins, das über seine Angst vor dem Schlachter spricht. Altmeister Branko Samarovski braucht nur wenige Blicke und große Gesten, um Macht über Leben und Tod zu demonstrieren. In Fatsuit und mit einer lustigen Piggy-Handpuppe philosophiert er über die gnadenlose Ausbeutung der Tiere durch die Menschen. In jedem Blick ist die Furcht des Tieres zu spüren. Da berührt Jelineks Theater auf einmal, das doch auf den ersten Blick abgehoben und elitär erscheint.
110 Seiten umfasst Stemanns Bühnenfassung von Jelineks Spätwerk. Jede einzelne blättert die Souffleurin an einer Tafel um. Mit seinem epischen Theater setzt der Jelinek-Kenner die komplexen Textflächen klug in Szene. Thomas Kürstner und Sebastian Vogel unterlegen die Textflächen musikalisch. Verstärkt werden sie am Bass und am Klavier von Regisseur Stemann. Die Klanglandschaften untermalen die traumatischen Bilder, die sich im Lauf der Inszenierung steigern. Eine Blaskapelle aus Oberalm setzt nicht nur folkloristische Akzente. Die Trachtenträger begleiten Schlachtszenen.
In der kaputten Welt, die nur noch von Tieren bewohnt wird, ist es nur schlüssig, dass am Ende die KI die Macht übernimmt. Da beginnt der amerikanische Tech-Milliardär Peter Thiel, vor dem ein Spieler mit der Maske von Ex-Kanzler Sebastian Kurz noch in die Knie ging, mit KI-generierter Stimme einfach so zu sprechen, wie es dem Regisseur Stemann vorschwebt. Das bringt die Zuschauer:innen erst mal zum Lachen. Solche technische Perfektion aber macht Angst. Welcher Wirklichkeit kann man da noch glauben? Die bemerkenswerte mediale Inszenierung von Claudia Lehmann und Konrad Hempel, Gründer des IXA (Institut für Experimentelle Angelegenheiten), schockiert ebenso, wie sie fasziniert und fordert. Indem er am Ende nach den Menschen auch die Tiere verschwinden lässt, denkt Stemann Jelineks Thesen weiter. In seiner schrecklichen neuen Welt ist auch die Regie überflüssig, denn die übernimmt die KI.
Erschienen am 25.8.2026






















