Auftritt
Vorarlberger Landestheater Bregenz: Ein Drama über das Verschwinden
„Leopoldstadt“ von Tom Stoppard, Deutsch von Daniel Kehlmann – Regie Johannes Lepper, Bühne und Video Doreen Back, Kostüm Monika Gebauer
von Bodo Blitz
Assoziationen: Theaterkritiken Österreich Vorarlberger Landestheater

Das Eingangsbild: eine riesige Festtafel mit allen Mitgliedern der jüdischen Familie Merz, zur linken Hand ein Weihnachtsbaum, dessen Spitze kurzzeitig mit dem Davidstern geschmückt wird. Ein prachtvoller Kronleuchter. Silberne Kerzenständer. Ein durchsichtiger Vorhang trennt die Bühne vom Zuschauerraum, dort erscheint die Jahreszahl 1899. Fast das gesamte Ensemble ist in unterschiedlichen Rollen im Einsatz. Gegeben wird ein opulentes Familienfest: Es gibt Geschenke und jede Menge Gespräche über Kunst, Literatur und Psychologie. Alles wirkt bürgerlich, intellektuell und wohlhabend, nur die Meinungen über das Gelingen des Assimilationsprozesses der Juden in Österreich gehen auseinander.
Das Schlussbild: Die Festtafel ist verschwunden. Der Kronleuchter liegt auf dem Boden. Von Kerzen keine Spur. Die Vorhänge sind heruntergerissen. Keinerlei Requisiten finden sich auf dem enorm großen Bühnenboden der Werkstattbühne der Bregenzer Festspiele, dem Spielort der Inszenierung. Das Bühnenbild von Doreen Back spiegelt das Reduktionsprinzip von Stoppards Drama auf eindrückliche Weise. Nur noch drei Figuren sind übrig. Inzwischen ist die Handlung im Jahr 1955 angekommen, und die wenigen Überlebenden der Familie Merz kommentieren das Familienalbum. Zunächst wird ein Vorname gerufen, beantwortet durch den jeweiligen Todesort, meist Auschwitz. Beides in kurzen Informationsangaben: „Ernst?“ – „Auschwitz“. „Ludwig Steinhof?“ – „Steinbruch 41“. Ein Stakkato der Toten des Holocaust symbolisiert den enormen Verlust.
Dieser Kontrast von Eingangs- und Schlussszene zeigt eindrücklich die Motive des Verschwindens, ja des Auslöschens, welche von Tom Stoppard in seinem Drama gestaltet werden. Stoppard gelingt in seinem letzten Drama (2020 uraufgeführt) ein Kunststück: Indem er sich auf eine einzige Familie konzentriert, durchläuft er bekannte Geschichte über die fünf Stationen 1899, 1900, 1924, 1938 und 1955, ohne dass das vorhandene Vorwissen zu diesen historischen Ereignissen auf Kosten der Identifikation mit den Figuren geht. Die Regie von Johannes Lepper konzentriert sich zu Recht auf den enorm weiten Bogen vom anfänglichen figurenreichen Familienstück hin zur Trauerarbeit von nur drei Familienmitgliedern in der Schlussszene. Dabei verzichtet Lepper auf einen moralischen Zeigefinger, er lässt sein Ensemble darstellen, ohne zu einer Reaktion zu drängen. Seine Regie ist vorsichtig, ihr geht es um Genauigkeit der Situationen, der dargestellten Handlungen. Das ermöglicht letztlich Empathie mit den Figuren.
In der Hauptrolle übernimmt Thieß Brammer die Figur des Hermann Merz. Hermann ist in der Eingangsszene des Jahres 1899 Familienoberhaupt, Fabrikbesitzer und äußerst bemüht um Assimilation: Seine Frau Gretl (Rebecca Hammermüller) ist katholisch, auch Hermann hat sich taufen lassen. Thieß Brammer spielt Hermanns Begeisterung für die Wiener Moderne jüdischen Ursprungs äußerst mitreißend. Hermann fühlt sich als Österreicher und als Patriot, sein Blick in die Zukunft gerade für die Juden in Österreich ist mehr als rosig. Die Ernüchterung folgt innerhalb nur einer Generation. Wenn in der Szene zu den Ereignissen um 1938 ein nationalsozialistischer „Umzugshauptamtsleiter“ die Wohnung der Familie Merz betritt und Hermann Merz dazu zwingt, die Abgabe seiner Firma sowie seiner Wohnung ohne jede Gegenleistung an die neuen Herrscher zu unterzeichnen, dann ist das Spiel von Thieß Brammer gebeugt, fast tonlos, ein enormer Bruch zur Lebendigkeit der Figur in der Eingangsszene. Lepper inszeniert in dieser Peripetie des gesamten Dramas Erniedrigung und Ohnmacht, auch Hilflosigkeit. Was passiert, geschieht, und zwar ohne Eingriffsmöglichkeit.
Immer wieder sind es wenige Requisiten, die symbolische Bedeutung erhalten: So wirbelt der Offizier Fritz (Luzian Hirzel) ein breites Bett über den Bühnenboden, fast wie ein Tanz wirkt das. Schon ist der Ort eines kurzen Seitensprunges von Hermanns Frau Gretl mit jenem Offizier in Szene gesetzt. Fritz wird Hermann ein Duell mit der zynischen Sentenz verweigern, dass Juden nicht satisfaktionsfähig seien. An Hinweisen auf die drohende Apokalypse mangelt es bei Stoppard nicht. Dass diese von den Figuren allerdings nicht ernst genommen werden, wirkt bei Stoppard und in Bregenz menschlich. Leppers Inszenierung trägt einer Erinnerungskultur Rechnung, welche in heutigen Zeiten mehr als notwendig ist.
Dieses Stück eines berühmten Autors und auch die erfahrene Regie von Johannes Lepper haben Bregenz der langjährigen Intendantin Stephanie Gräve zu verdanken. Seit 2018 sorgte sie in Bregenz für anspruchsvolles sowie überregional wahrgenommenes Theater. Gräve wurde Ende der vergangenen Spielzeit völlig überraschend erst freigestellt, dann gekündigt. Vorausgegangen war ein Disput über die Nichtverlängerung ihres eigentlich bis 2028 gegebenen Vertrages. „Es ist nicht in Ordnung, wie man mit Ihnen hier umgegangen ist“, sagt ein Abonnent zu Frau Gräve am Abend einer Vorstellung von „Leopoldstadt“ im Foyer. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Erschienen am 15.10.2026

















