Theater der Zeit

Auftritt

Hunnen, Helden, Hollywood

„Die Hunnenkönigin“ von Oliver Lansley – Regie Oliver Lansley und James Seager, Gesamtkomposition & Songwriting Alexander Wolfe, Bühnenbild Sean Turner, Kostümbild Susan Kulkarni, Lichtdesign Natasha Chivers, Videodesign & Kamera Kate Ledina, Choreographie Christopher Evans

von Christoph Leibold

Assoziationen: Theaterkritiken Rheinland-Pfalz

Kriemhild als Partyschreck: „Die Hunnenkönigin“ in Worms.
Kriemhild als Partyschreck: „Die Hunnenkönigin“ in Worms.Foto: David Baltzer

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Einmal im Jahr rollen sie in Worms den roten Teppich aus. Das Schaulaufen der (Provinz-)Prominenz gehört zur Premiere der Nibelungen-Festspiele genauso dazu wie die Schaulust-Erwartungen ans Bühnengeschehen. Ehernes Gesetz: Ohne Fackelschein oder Feuerschalen kein Freilichttheater! Umso bemerkenswerter, dass Intendant Nico Hofmann über die letzten Jahre Stück und Inszenierung stets bei Theaterschaffenden in Auftrag gegeben hat, die eigentlich für ambitioniertes Regietheater stehen. Der Spagat zwischen Anspruch und Amüsement ging denn auch selten ohne mehr oder minder starke Zerrungen ab.

Insofern markiert die diesjährige Uraufführung einen Kurswechsel. Kein deutschsprachiger Dramatiker aus der Liga Schimmelpfennig, Bärfuss oder Schmalz wurde gebeten, der alten Heldensage neue Aspekte abzugewinnen; keine Regiekraft der Kragenweite Vontobel, Karabulut oder Calis für die Umsetzung verpflichtet. Stattdessen kam das Regie-Team aus England: James Seager und Oliver Lansley (letzterer zugleich Autor des neuen Stücks), die auch gleich Teile ihrer Londoner Kompanie Les Enfants Terribles mit an den Start brachten – ein Ensemble, das sich einem zirzensischen Theateransatz verschrieben hat, und das – englisch sprechend – vor allem die Schar der Hunnenkrieger verkörpert, während die Burgunden-Darsteller Deutsch reden. So wird der clash of cultures (durchaus sinnfällig) sprachlich markiert. Zentraler Schauplatz der Open-Air-Bühne vorm Nordportal des Wormser Doms ist ein weites Rund, allerdings nicht mit sandigem Boden wie in einer Zirkusmanege. Mit hölzernen Planken belegt, erinnert das Konstrukt eher an ein Bretterpodest, auf dem fahrende Gaukler-Truppen, die von Jahrmarkt zu Jahrmarkt tingeln, ihre Moritatenspiele zur Aufführung bringen.

Dass es ein kulinarischer, also leicht zu konsumierender Theaterabend werden soll, verheißt gleich die erste Szene. Da sehen wir eine lange Festtafel, üppig gedeckt mit Schweinskopf-Braten, Brotkörben, Obstschalen und Weinhumpen. König Gunther feiert Geburtstag. Doch die Jubelstimmung ist schnell perdu, als Schwester Kriemhild als blutverschmierter Partyschreck ins Gelage platzt. Lansley hat sich für sein Stück „Die Hunnenkönigin“ die Plot-Passagen aus dem Mythos herausgepickt, die von Kriemhilds Rache erzählen. Man habe sie „verkauft wie ein Preiskalb“, heißt es bei Lansley – an den furchteinflößenden Hunnenherrscher Etzel nämlich, der sich Reich um Reich unterwirft. Um sich dieses Schicksal zu ersparen, haben die Burgunden ihm Kriemhild zur Frau gegeben. Praktischerweise ist Kriemhild dadurch auch gleich noch außer Haus geschafft – was insbesondere Hofstratege Hagen zupasskommt, der Kriemhilds ersten Gatten Siegfried auf dem Gewissen hat und sich des Hasses der Witwe sicher sein kann. Doch Kriemhild (deren Geschichte ausgehend von ihrer Rückkehr nach Worms – sozusagen der Prolog der Aufführung – nun als Rückblende erzählt wird) hat auch in der Fremde nichts vergessen: weder ihre Rachegelüste noch den geliebten Siegfried, den Lansley als spukhafte Erinnerung durch die Gedanken der frisch gekrönten Hunnenkönigin geistern lässt, vorzugsweise als Projektion auf einem von drei Videoscreens, die ansonsten Close-Ups des Bühnentreibens zeigen, die ein Team von Kameraleuten live filmt. Dazu gibt es, ebenfalls live, Musik des Quintetts SilverLung um die deutsch-kanadische Songschreiberin Alice Merton (vielen bekannt durch ihren Hit „No Roots“): kino-epos-artiger Bombast-Pop als Soundtrack, dazu (ba-)rockige Gitarrengewitter mit Basswummern, Celloklängen und Percussion-Salven sowie melancholische Indiefolk-Balladen. Eingängig und aufreibend. Ohne Scheu vor Pathos und großen Gefühlen.

„Die Hunnenkönigin“ ist eine Mischung aus Rockoper (Tanzeinlagen inklusive), Jahrmarktspektakel und Fantasy-Saga à la „Game of Thrones“. Mit allen Vor- und Nachteilen. Lansley und Seager inszenieren so effektbewusst wie -sicher, dabei handwerklich tadellos, und bedienen gekonnt die Sehgewohnheiten eines HBO- oder Netflix-trainierten Publikums, allerdings um den Preis, dass allzu vieles zum Klischee gerinnt, mitunter sogar zum Kitsch. Aram Tafreshian als Etzel im bodenlangen Pelzmantel gäbe mit seinem roten Bart samt passender Langhaarmähne auch einen formidablen Wikingerkrieger ab. Doch der vermeintliche Wilde erweist sich als weitsichtiger, weiser Stammesfürst, dessen zivilisierte Umgangsformen, die er Kriemhild gegenüber an den Tag legt, deren intrigante Burgunden-Familie als die eigentlichen Barbaren erscheinen lassen. Tafreshian ist nicht darum zu beneiden, dass weite Teile seines Textes aus Floskeln bestehen, die dieser Etzel wahlweise in einem Achtsamkeits-Seminar gelernt oder einer Aphorismen-Sammlung mit Spruchweisheiten von Naturvölkern entnommen zu haben scheint. Kriemhild begegnet diesem hunnischen Wiedergänger von Häuptling Seattle anfangs mit dem, was man früher mal abgeschmackt als „die Waffen einer Frau“ bezeichnet hat und vom Autoren-/Regie-Duo leider auch ungebrochen bedient wird. Auf Dauer kann sich Kriemhild Etzels bekenntnisseligen Annäherungen („Du hast etwas in mir wieder zum Leben erweckt!“) aber ohnehin nicht entziehen und streckt diese Waffen. Maria Drăguș als Kriemhild ist mehr Rotzgöre als Rächerin, Trotzkopf als Tragödin. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass das Drehbuch dieser eher cineastisch als zirzensisch anmutenden Open-Air-Sause es vorsieht, dass Kriemhild die Frucht ihrer Beziehung mit Etzel schlussendlich im Dienst der Vergeltung grausam opfert. Denn Ortlieb ist nicht nur ihr und Etzels gemeinsamer Sohn, sondern auch gemeinsamer Erbe beider Reiche, der Hunnen wie Burgunden, da die Ehe zwischen Kriemhilds Bruder Gunther und Brünhild kinderlos geblieben ist. Das Finale der Vorstellung (bei dem natürlich die unvermeidlichen Flammen aus Feuerschalen züngeln) schlägt den Bogen zurück zum Anfang. Kriemhild crasht Gunthers Party und knallt den abgeschlagenen Kopf Ortliebs in einer bluttriefenden Tüte auf die Geburtstagstafel. Mit dem Tod des Erben beider Dynastien sind auch beide dem Untergang geweiht. Den Rest erledigen Etzels Krieger, die bereits an die Tore des Wormser Hofs trommeln. So besiegen die Hunnen die Burgunden und sind doch auch selbst Verlierer. Und so siegen mit James Seager, Oliver Lansley und Les Enfants Terribles die Gesetzmäßigkeiten des Freilichtspektakels und Mainstream-Erzählens über Regietheaterambition. Das kann man bedauern, und muss es doch zugleich auch begrüßen: Immerhin haben die Nibelungen-Festspiele nicht einen weiteren Zwitter geboren. „Die Hunnenkönigin“ ist das konsequenteste Bekenntnis zum Popcorn-Kino für die Bühne, nach dem sich Worms insgeheim sehnt, wenn es den roten Teppich ausrollt. Niedrigschwellige Unterhaltung auf handwerklich hohem Niveau.

Erschienen am 20.7.2026

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