Auftritt
Opéra national du Rhin Straßburg: Koloraturen gegen die Dunkelheit
„Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss – Musikalische Leitung Christoph Koncz, Inszenierung Myriam Marzouki, Choreografie Jean-François Kessler, Bühnenbild Alex Eales, Kostüme Laure Mahéo
von Georg Rudiger
Assoziationen: Theaterkritiken Musiktheater Opéra national du Rhin

Eigentlich singt der Offizier in „Ariadne auf Naxos“ nur zwei Sätze. Zur Eröffnung der neuen Opernsaison an der Straßburger Opéra national du Rhin lässt sich die Regisseurin Myriam Marzouki von dieser Figur (Namdeuk Lee) inspirieren, um bei diesem Theater im Theater noch eine weitere Rahmenhandlung anzudeuten. Das Militär verbindet sich mit dem mafiösen Geldgeber, der zu Beginn auftritt und den Haushofmeister bezahlt. Am Ende des Vorspiels wird eine Demonstrantin vertrieben. Nach der Pause hat die mediterrane Villa (Bühne: Alex Eales) mit spektakulärem Meeresblick und Treppe samt Galerie ein paar Löcher in der Wand. Aus dem lichtdurchfluteten Innenraum ist ein unaufgeräumtes Halbdunkel geworden. Am Ende stürmen Soldaten in schicken Uniformen in Zeitlupe das Geschehen – die Militärdiktatur kommt mit Stil. Auf Frankreichs Opernbühnen ist selbst die Gewalt ästhetisch. Dass es am gleichen Abend wieder Ausschreitungen in der Stadt gibt, lässt die Realität abseits der Kunst mit anderer Wucht zuschlagen.
Dem Abend tut es gut, dass die Regisseurin Richard Strauss’ philosophisch-heiterer Oper nach dem Libretto von Hugo von Hofmannsthal ihre Leichtigkeit und den feinen Humor lässt. Und auch das Orchestre national de Mulhouse hat unter der Leitung seines Chefdirigenten Christoph Koncz großen Anteil an der Ausgewogenheit und der Eleganz, die der Lesart innewohnen. Die neue Intendantin Chrysoline Dupont setzt auf Kontinuität zu ihrem Vorgänger Alain Perroux, der nach Genf gewechselt ist. Wagemutiges, Zeitgenössisches oder Kontroverses findet man nicht im Opernprogramm, dafür Selbstläufer wie „Rigoletto“, „Lucia di Lammermoor“ und „Pelléas et Mélisande“. Benjamin Brittens Kinderoper „The Little Sweep/Le Petit Ramoneur“ aus dem Jahr 1949 ist das modernste Werk. Mit einigen Übernahmen aus Lyon und der Pariser Opéra-Comique, Duponts vorheriger Wirkungsstätte, werden Kosten gespart. Auch die „Ariadne auf Naxos“ ist eine Koproduktion mit der Opéra de Dijon.
Vor allem musikalisch ist diese Produktion in jedem Augenblick spannend, weil Dirigent Christoph Koncz die große Kunst beherrscht, blitzschnell zwischen den musikalischen Stilen zu wechseln und gerade im Vorspiel den leichten Konversationston mühelos ins Schwere, Tragische münden zu lassen und umgekehrt. Das Orchestre national de Mulhouse erweist sich als ganz flexibler Klangkörper, der in den Solobläsern stark besetzt ist. Aber auch die Soli von Violine und Violoncello haben Wärme und Intensität. Auch im zweiten Teil, wenn nach dem Vorspiel die eigentliche Oper gespielt wird und der mozartsche Tonfall immer mehr einem üppigen romantischen Klang weicht, bleibt im Orchestergraben die hohe Qualität erhalten. Koncz lässt viele Freiheiten zu, ohne dabei die Orientierung zu verlieren. Dass er ohne eine einzige Probe Ilia Staple von der Wiener Staatsoper, die für Julie Roset als Zerbinetta einsprang und vom Notenpult aus singt, durch die große, virtuose, ganz frei gestaltete Szene „Großmächtige Prinzessin“ geleitet, spricht für sein Dirigat und seine Nervenstärke. Staple macht aus den spektakulären Koloraturen Musik, gestaltet die Phrasen mit großer Natürlichkeit und findet auch für die vielschichtige Innenwelt dieser das Leben feiernden Figur den passenden Ausdruck, wenn sie im Vorspiel singt: „Ich scheine munter und bin doch traurig“. Nur in den stratosphärischen Höhen sind Qualitätseinbußen zu hören.
Eugénie Joneau ist als Primadonna und Ariadne eine echte Diva, die mit Frisur und Kleid an Maria Callas angelehnt ist (Kostüme: Laure Mahéo). Ariadnes Schmerz lässt sie mit ihrem über eine entspannte Tiefe verfügenden Mezzosopran Wirklichkeit werden. Und auch die ekstatischen Aufschwünge am Ende, wenn sie im Duett mit Bacchus (mit Tenorschmelz und Strahlkraft: AJ Glueckert) die Liebe wiederentdeckt, gestaltet Joneau als weit gespannte Legatobögen. Dorottya Lang glänzt als Komponist, Jochen Kupfer ist ein stimmkräftiger Musiklehrer. Mit ihrer genauen Personenführung macht Regisseurin Myriam Marzouki auch bei den Nebenrollen alles richtig. Die vier Jungs von Zerbinetta, charmant choreografiert von Jean-François Kessler, erscheinen mal als Beachboys, mal im Glitzerjackett (Harlekin: James Newby, Scaramuccio: Aleksandre Khukhushvili, Truffaldin: Antoine Foulon, Brighella: Arwen Tanguy). Die drei Nymphen (gut ausbalanciert: Naïma Wanshe, Lucy Evans, Jessica Hopkins) sind blondierte Dienstmädchen im hellblau-weißen Einheitslook. Auch sie können Ariadne nicht trösten. Dafür muss schon der für den Todesboten gehaltene Bacchus persönlich kommen.
Erschienen am 3.11.2026



















