Auftritt
Ruhrtriennale: Brustmassage über Gräbern
„Balkan Erotic Epic“ von Marina Abramovic – Regie & Konzept Marina Abramovic, Co-Regie Georgine Maria-Magdalena Balk, Choreografie-Regie Blenard Azizaj, Langzeit-Performance-Regie Billy Zhao, Filmregie Nabil Elderkin, Bühnenbild Anna Schöttl, Kostümdesign Roksanda Ilincic, Komposition Marko Nikodijević, Komposition & Sounddesign Luka Kozlovački, Lichtdesign Urs Schönebaum
von Stefan Keim
Assoziationen: Performance Theaterkritiken Nordrhein-Westfalen Dossier: Festivals Marina Abramović Ruhrtriennale

Wenn der Regen nicht aufhört und droht, die Ernte zu vernichten, gibt es in der Balkan-Mythologie eine Tradition. Frauen gehen aufs Feld, entblößen ihre Vulven, zeigen sie gen Himmel und stoßen Schreie aus. Damit erschrecken sie die Götter, und die Sonne kommt zurück. Diese Geschichte erzählt die „Wissenschaftler:in, Historiker:in und vertrauenswürdige Erzähler:in“ (Zitat Programmheft) Elke Luyten. Sie wird aber auch direkt gezeigt, vier Stunden lang werfen Frauen ihre Röcke zurück und zeigen ihre Vaginas. Das ist eine von 13 Szenen in Marina Abramovićs Performance „Balkan Erotic Epic“.
Weit über tausend Menschen drängen gerade jeden Abend in die Kraftzentrale des Landschaftsparks Duisburg-Nord, die größte Halle der Ruhrtriennale. Die Luft ist dick, die Schlangen an Garderobe und Bar lang. Beim Reingehen muss jede:r das Handy in eine Tasche stecken und verschließen. Dann hängt man sich die Tasche um den Hals. Man kann sie erst beim Rausgehen wieder öffnen. Auch smarte Brillen sind verboten. Niemand soll in dieser ab 18 Jahren freigegebenen Vorstellung fotografieren oder Videos drehen.
Dann staut sich erst mal die Masse vor der ersten Szene. Auf einem riesigen Video schlagen sich weitgehend alte Frauen auf die Brust und stoßen Klagelaute aus, während die Sängerin Svetlana Spajić auf einer Art Thron sitzt und Trauergesänge anstimmt. Ein Anzug hängt auf der Bühne, darüber das gerahmte Foto eines streng dreinblickenden Herrn. Es ist Josip Broz Tito, der kommunistische Präsident Jugoslawiens. Sein Porträt hängt auch lichtumkränzt in der Kafana, einer Kneipe, die das Zentrum der Performance bildet. Beim Weitergehen wechselt der Bodenbelag. Fast die gesamte Kraftzentrale ist mit dunklem Kunstrasen mit silbern glitzernden Streifen ausgelegt. Auf dem Dach der Kafana führen fünf Frauen und Männer in weißen Gewändern einen stampfenden Volkstanz auf und lassen immer wieder die Schuhe auf den Boden krachen. In der Kneipe selbst spielt eine Band wilde Balkansongs, die das Publikum mitreißen.
„Balkan Erotic Epic“ ist eine sehr persönliche Reise in die Welt, die Marina Abramović geprägt hat. Es soll auch ein Porträt ihrer Mutter Danica sein, wie aus dem Programmheft hervorgeht. Zunächst einmal bin ich überwältigt von den vielen starken Bildern. Ein Wald aus Penisbäumen, eine schwangere Braut im roten Kleid, die vier Stunden lang in Milch gebadet wird, eine andere, die extrem aufwendig geschminkt wird. Amazonen in spiegelnden Fantasykostümen führen einen Messertanz auf, drei nackte Männer liegen auf grünem Gras und penetrieren den Boden. Die Hintern fahren unablässig auf und nieder. Das soll ein Fruchtbarkeitsritual sein, der Samen ist ein natürlicher Dünger in Zeiten von Missernten. Passt zu den Nachrichten nach dem Hitzesommer.
Auf einem Friedhof massieren sich nackte Frauen – und auch einige Männer – die Brüste, liegen und hocken auf den Grabsteinen, umarmen Skelette, die herumliegen. Die Beziehung zwischen Tod und Erotik ist das verbindende Thema vieler Szenen. Doch die Länge der Performance wird zunehmend zum Problem. Am Anfang bin ich fasziniert, nach anderthalb Stunden hole ich mir was zu trinken. Man kann nach Belieben rein und raus. Dann gehe ich wieder durch die Szenen und frage mich, ob sich wohl noch was verändert. Es gibt keine Spannungsbögen, alle tun mehr oder weniger das Gleiche. Die Szenen wirken bei längerem Betrachten nicht besonders provokant, sondern harmlos, irgendwie sogar niedlich. Den manchmal erhobenen Vorwurf, das sei alles eher Ethnokitsch als eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Balkan, kann ich nachvollziehen. Es fehlt die konfrontative Kraft, die Marina Abramovićs legendäre Performances in kleineren Räumen hatten. Und ich habe langsam keine Lust mehr auf Vulven, Hintern und Brüste.
Nach einer weiteren Stunde gehe ich noch mal raus und sehe, dass schon ein großer Teil des Publikums die Kraftzentrale verlässt. Täte ich auch gern, aber ein braver Kritiker bleibt bis zum Schluss. Und ich werde belohnt. Denn zum Schluss kommt die fast achtzigjährige Marina Abramović selbst auf die Bühne. Ganz sacht betritt sie die Kafana, alle anderen Darsteller:innen bleiben stehen oder liegen, die Musik verstummt. Marina Abramović umarmt die Tänzerin, die ihre Mutter dargestellt hat. Die beiden tanzen, sanft, behutsam, Marina Abramović schließt die Augen. Danach geht sie langsam von der Bühne, schaut noch ein bisschen zu, mit ein paar Metern Abstand. Sie verschwindet, und die Band beginnt zu spielen, lockt das Publikum wieder nach draußen.
Jetzt ist es mir völlig egal, dass ich mich zwei Stunden gelangweilt habe. Die vielleicht zehn Minuten am Ende hatten die Aura eines theaterhistorischen Moments. Und die Band macht im Foyer noch einen kleinen Afterglow, das verbliebene Publikum tanzt und klatscht mit. Und am Ende hat er sich doch gelohnt, der Besuch beim „Balkan Erotic Epic“.
Erschienen am 7.9.2026






















