Theater der Zeit

Auftritt

Schauspiel Frankfurt: Kanonenfutter, sprich!

„Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ nach Jaroslav Hašek, Bertolt Brecht und einer Recherche zur Schlacht um Bachmut – Regie Jan-Christoph Gockel, Bühne Julia Kurzweg, Video Eike Zuleeg

von Sabine Leucht

Assoziationen: Theaterkritiken Hessen Dossier: Bertolt Brecht Dossier: Bühne & Film Schauspiel Frankfurt

„Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ nach Jaroslav Hašek, Bertolt Brecht & einer Recherche zur Schlacht um Bachmut am Schauspiel Frankfurt.
Das Schwejk-Ensemble lädt die Dicke Berta – „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ nach Jaroslav Hašek, Bertolt Brecht & einer Recherche zur Schlacht um Bachmut am Schauspiel Frankfurt.Foto: Arno Declair

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Jan-Christoph Gockel did it again. Nach dem Riesen-Erfolg mit seinem siebenstündigen Münchner „Wallenstein“ hat er erneut eine dicke Kriegs-Suppe gekocht und die noch gut erkennbaren Zutaten zur Spielzeiteröffnung am Schauspiel Frankfurt in knapp der Hälfte der Zeit auf die Bühne gegossen. Ohne Essensdüfte diesmal, ohne große Drahtzieher und kindliche Zaubersprüche, aber mit einer vergleichbaren, verschiedene Kriegs-Zeiten und -systeme überbrückenden Stoff-Fülle. „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ umfassen den brikettschweren Schelmenroman des tschechischen Autors Jaroslav Hašek, Bertolt Brechts Schweyk-Fragment von 1943 und eine aktuelle „Recherche zur Schlacht um Bachmut“. Der Abend führt von Hašeks Erstem Weltkrieg über Brechts NS-Gegenwart bis ins Jahr 2023, als Putins „Spezialoperation“ die ukrainische Kleinstadt zerstörte: „Bachmut war eine Hölle wie Verdun oder Stalingrad“, heißt es im Text.

Details aus diesen Höllen gibt es in Frankfurt aber erst spät. Je weiter die Kriege zeitlich von uns entfernt sind, desto beherzter, aber auch abstrakter gerät Gockels Regiezugriff. So macht er im ersten Teil mit Hašeks alle schwindelig quatschenden Plaudertasche kurzen Prozess: Eine alte Kurbelkamera bannt das Bühnengeschehen als fast putzigen, authentisch knisternden Stummfilm auf zwei Screens. Gockels Lust am Bild ist groß, von Schwejks Eigenart bleibt dabei wenig übrig.

Aber Budenzauber kann er halt auch wie kaum ein Zweiter. Und die große Bühne in Frankfurt, auf die Julia Kurzweg eine waschechte „Dicke Berta“ gestellt hat, kommt ihm da sehr entgegen. Zappelige kleine Menschlein bewundern auf ihr die mächtige Kanone wie ein neues, spannendes Spielzeug, schlüpfen in Munitionskapseln und krabbeln ins Rohr. Charlie Chaplin und Kubricks „Dr. Seltsam“ lassen grüßen. Der Mensch als Kanonenfutter: Nach jedem Knall aus dem Off zeigt der Bildschirm ein anderes Schauspielergesicht. Und Schwejk ist am Drücker, kein Unschuldiger mehr.

Auch im zweiten Teil zaubert die Regie optisch und bringt ihre Tricks augenzwinkernd gegen den Autor in Stellung. Brecht hat die Nazis, denen sein Protagonist begegnet, zur Übergröße aufgeblasen. Gockel lässt dem V-Effekt die Luft ab und Hitler zu einer Mini-Marionette aus der Werkstatt seines Puppenbau-Kumpanen Michael Pietsch schrumpfen. Annie Nowak, als Conférencière eine der Besten im durchweg prächtig aufgelegten Ensemble, leiht ihm erst ihre Brusttasche und dann ihre Stimme. Im typischen Schnarrton will der Zwerg größer wirken – „man sieht mich nicht! Riefenstahl!“ – wissen, wie es um seine Beliebtheit beim Volke steht, und lässt sich – die große Schwäche von Diktatoren – nur zu bereitwillig schmeicheln. Am liebsten wäre es ihnen, die Menschen würden gerne für sie sterben. Dabei treibt die meisten nur der schnöde Hunger an die Front.

Annie Nowak mit dem „großen“ Diktator – „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ nach Jaroslav Hašek, Bertolt Brecht & einer Recherche zur Schlacht um Bachmut am Schauspiel Frankfurt.Foto: Arno Declair
Viele mögliche Schwejks in Aktion – „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ nach Jaroslav Hašek, Bertolt Brecht & einer Recherche zur Schlacht um Bachmut am Schauspiel Frankfurt.Foto: Arno Declair

Zielsicher fokussiert Gockel auf Motive, die Brücken zwischen den Stücken schlagen: Drei Attentate: Check! Drei einfache Männer mit wenig Alternativen: Check! Dreimal kommt einer zu spät und wird dafür mit dem Überleben belohnt: Check! Und auch der asthmatische Spitz, den der Hundehändler Schwejk für den SS-Mann Bullinger klaut, sieht richtig gut aus, wenn ihn Pietsch erst mit Fell und dann als Skelett durch die Szene tanzen lässt. Doch leider pinselt Gockel Brechts grelles Kneipen-Panorama in seiner ganzen Breite und Holprigkeit aus. Bis auf Nowak und Wolfram Koch verschwinden die Spieler:innen hinter angeschimmelt wirkenden Puppen-Doubles. Das verweist auf Piscator, beschneidet aber ihren Spielraum. Die Chose zieht sich – etliche Song-Einlagen tun das Ihre dazu – und noch ehe man diesen bauernschlauen opportunistischen Kriegs-Saboteur richtig kennengelernt hat, beginnt er einem schon egal zu werden.

Deshalb wundert man sich auch ein wenig, dass nach der Pause der Typus Schwejk zur Debatte steht. Wer und wie wäre er auf einem Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts? Der Recherchetext ist mehr als ein Kondensat aus Söldner-Interviews, aber auch keine klassische Spielvorlage. Er begleitet seinen namenlosen Antihelden, der ein Schwejk sein könnte, vom freiwilligen Eintritt bis zur Entlassung aus der russischen Armee, lässt ihn von absurden Befehlen, Angst und Toten erzählen und irrwitzige Notlügen spinnen. In vielem ist er dieser Schwejk aber auch sehr anders als seine Namensvetter. Er reflektiert. Und auf die Frage „Sind Sie ein Idiot?“ antwortet er nicht „Melde gehorsamst, dass ja“, sondern „Ich bin Patriot.“ Eine ganz spezielle Idiotie, wie man weiß.

Gockel verteilt diesen Text auf das gesamte Ensemble, in das auch die Conférencière immer wieder eintaucht. Und man versteht, warum: In der extremen Nahsicht auf die Geschichte vermag schließlich niemand die Übersicht zu behalten. Doch der fahrige Aktionismus des Neuner-Clans im Trümmerfeld unter kreisender Drohne legt sich wie Baustaub auf den Schalk und die Verspieltheit der Vorlage. Und nur selten stellt Gockel mal auf Einzelne scharf. Etwa auf Melanie Straub, die die Kamera bis ins dunkle Rohr der Kanone hinein verfolgt, bis ihre Platzangst in einer stillgelegten Gaspipeline, die hinter die feindlichen Linien führt, in die panische Erkenntnis umschlägt, wo sie sich wirklich befindet und was sie wirklich ist: Kanonenfutter. Hier wie da.

Das ist die produktive Zumutung dieser Recherche, der Gockel zu oft ausweicht: Sie ermöglicht uns, Empathie mit Menschen zu entwickeln, die Täter sind, für viele sogar Wunschkandidaten auf einer Todesliste. Wenn man sie wie hier zum Nachdenken und derart freimütigem Sprechen bringt, sind sie immer noch Täter, aber auch schon auf dem Weg woanders hin. „Schwejk sabotiert nicht den Krieg. Er sabotiert die Erzählung darüber“, heißt es im Text. Schlicht dadurch, dass er sagt, was ist und sich seiner Mitverantwortung stellt. Bis zum dicken Knoten im Kanonenrohr, den das letzte schöne Bild des Abends zeigt, ist es natürlich trotzdem noch weit.

Erschienen am 15.9.2026

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