Kommentar
Zur Diskussion um das „Volksbad“ in Berlin
Assoziationen: Berlin Volksbühne Berlin

„Zirkus ohne Zelt“ nannte ein Freund augenzwinkernd das temporäre Freibad vor der Volksbühne nach seinem ersten Badebesuch. Zu Beginn der Intendanz von René Pollesch vor fünf Jahren hatte am selben Ort drei Wochen lang tatsächlich ein Zirkuszelt gestanden als Hommage an den „Wahlkampfzirkus“ von Christoph Schlingensief und seiner Partei CHANCE 2000. Im September 2021, als Polleschs Team loslegte, wurde schließlich gleichzeitig in Berlin und dem Bund gewählt. Nun wird zu Beginn der Nachfolgeintendanz von Matthias Lilienthal turnusgerecht in Berlin wieder gewählt. Nur dass sowohl die Berliner als auch die Bundesregierung in der Zwischenzeit gewechselt hat. Und der „Zirkus“, der hier seinen Schatten vorauswirft, nicht nur die Wahl in Berlin, sondern auch jene in Sachsen-Anhalt betrifft, die längst als Schicksalswahl für das ganze Land gilt. Besteht doch zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik die reale Gefahr, dass eine Partei mit starken rechtsextremen Tendenzen in einem Bundesland an die Macht kommt. Und in dieser Atmosphäre ist um den „Zirkus“, der „ohne Zelt“ vor der Volksbühne stattfindet, mit einem Mal ein „Kulturkampf“ entbrannt, ausgelöst durch die Verbreitung von Fake News durch eine CDU-Kommunalpolitikerin: In den sozialen Medien hatte sie behauptet, an einem bestimmten Tag im Volksbad nicht zugelassen zu sein, weil sie weiß sei. Das stimmt so nicht: Fakt ist, dass dieser Tag für eine Initiative Schwarzer Menschen namens Each One Teach One (EOTO) reserviert war. Fakt ist auch, dass EOTO im Vorfeld öffentlich gemacht hat, dass an diesem Tag zwei Stunden lang ausschließlich Schwarze Menschen das Schwimmbad nutzen würden. Fakt ist aber auch, dass man ohne Reservierung gar nicht erst reinkommt. Und das ist der Punkt: Das „Volksbad“ ist offen für alle (in Berlin hat das einen besonderen Kontext nach zahlreichen Vorfällen von Massenschlägereien und Randale, nach denen vor Jahren schon Ausweiskontrollen eingeführt wurden), aber nur nach Anmeldung – und wie man überall lesen konnte waren die Slots auch sofort weg. Wer nicht rechtzeitig in den Startlöchern saß am Rechner oder Handy, hatte das Nachsehen. Deswegen konnte Aileen an diesem Nachmittag dort nicht baden – der Slot war schon belegt. Der Skandal liegt also in der Skandalisierung selbst: verdrehte Tatsachen, verkürzte Darstellung eines Sachverhalts. So braut man einen Shitstorm zusammen – das kennen wir bisher allerdings nur von der AfD, die sich ins Fäustchen gelacht hat und sofort auf den Zug aufgesprungen ist mit einem widerlichen Wahlplakat. Konservative als Brandbeschleuniger statt Brandmauer. What’s new?
Neu an der Ausgangslage ist, dass nicht länger Künstler*innen, die in die Politik intervenieren wollen, die Initiative haben, sondern Politiker*innen oder Aktivist*innen, die den Bereich von Kunst und Kultur als Interventionsmöglichkeit nutzen: eine „Mann beißt Hund“-Situation. Nun erleben wir diesen Rollenwechsel schon seit längerem, haben sich doch die VIELEN aus genau diesem Grund vor bald zehn Jahren gegründet. Damals war es vor allem die sogenannte Identitäre Bewegung, die Theatervorstellungen sprengte oder im Vorfeld fake Flyer vor dem Maxim Gorki Theater verteilte usw. Ganz so neu ist die Lage also nicht, nur dass auf einmal deutsche Konservative auf Methoden setzen, die man von Trumps MAGA-Bewegung erwarten würde, nicht von der CDU. Die Volksbühne in der Schlingensief-Tradition stellt das vor ein Dilemma: mit spektakulären Mitteln lässt sich das rechte Spektakel eher schlecht als recht bekämpfen. Im schlimmsten Fall verwandelt man sich ungewollt in einen Superspreader für rechtsextreme Inhalte wie zuletzt Milo Rau in Hamburg und Wien. Der Unterschied zu Schlingensiefs Zeiten ist, dass Provokationen mittlerweile auf ein ganzes Netzwerk von Resonanzverstärkern treffen, die den rechten Vibe am Laufen halten. Den „Zirkus ohne Zelt“ muss man daher wohl eher strategisch als moralisch bewerten: Wem nützt es?
Ein Gedankenexperiment: Was wäre passiert, wenn – wie es Meron Mendel und Saba-Nur Cheema in der FAZ vorgeschlagen haben – der EOTO-Nachmittag einfach nur als Reservierung eines antirassistischen Vereins angekündigt worden wäre? Hätte sich jenes Gerücht eines „umgekehrten“, angeblich „anti-weißen Rassismus“ verbreiten können, dieser reflexhaften Reaktion auf expliziten Antirassismus? Was sagt die Aufregung über den Zustand der öffentlichen Debatte? Und über die Nutzung des öffentlichen Raumes? Die beiden Kommentator*innen in der FAZ haben recht, auf den Widerspruch zwischen „public space“ und „safe space“ zu bestehen: Das „Volksbad“ ist ein Präsentierteller und kein geschützter Raum. Eher ein „dritter Raum“ zwischen beiden Polen. Umso bedauerlicherweise, dass wir nie erfahren werden, wie die Reaktionen ausgefallen wären, wenn EOTO sein Ferienprogramm für Jugendliche und Kids hätte durchziehen können. Wäre es irgendjemandem aufgefallen, dass dort für einen Nachmittag nur Schwarze Menschen im Becken geplantscht hätten? Wer außer bekennenden White Suprematists hätte sich an ein bisschen Black Joy (Simone Dede Ayivi) im Bad gestört? Hätte es irgendeinen Effekt gehabt? Im besten Fall hätten sich Vertreter*innen der Dominanzkultur vielleicht an die weiße Nase gefasst und darüber nachgedacht, was es bedeutet, hierzulande als nicht-weiße Person ins Freibad zu gehen. Das war zumindest eine Erkenntnis, die ich selbst erst in der Zusammenarbeit mit nicht-weißen Performer*innen gewonnen habe: Tatsächlich geht es nicht immer nur um Sichtbarkeit, manchmal geht es auch um das „Privileg der Unsichtbarkeit“. Eine damals vollkommen neue Erkenntnis für mich, die aber, sobald man von Betroffenen aufgeklärt wird, unmittelbar einleuchtet, z. B. dass man an Hitzetagen schwimmen gehen möchte, ohne dauernd angestarrt zu werden.
Ich möchte mit einem Beispiel enden, das ich in diesem Sommer erlebt habe: Fern ab vom Berliner „Zirkus“ war ich in den spanischen Bergen in einem Pool schwimmen. Das Becken war voll von Badenden, zwischen den vielen Kindern war es nicht einfach, ein paar Bahnen zu ziehen. Vor allem gab es einen Menschen, der an spastischen Lähmungen litt und das Wasser laut jubelnd von einem Beckenrand zum anderen durchquerte. Am Anfang dachte ich noch wohlwollend, wie auffallend tolerant die Menschen auf den jungen Mann reagierten. Erst als ich direkt an dem Mann vorbeischwamm und seine Freude aus nächster Nähe sah, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Nur dank des Wassers konnte er sich so frei bewegen, wie es ihm im Alltag nicht vergönnt ist. Und auf einmal schien es mir, als hätten all die anderen Menschen um mich das längst verstanden. Realistischerweise mag es nur ein kleiner Anteil der Anwesenden gewesen sein, der Rest hat sich nicht beim Plantschen stören lassen. Aber darum geht es: Vertreter*innen der Dominanzkultur sind selten die hellsten oder schnellsten, was das Erfassen einer sozialen Situation betrifft, der sie selbst nicht unterworfen sind. With a little help of my friends oder einfach etwas Zeit ist es aber möglich. Vielleicht ist in diesen Zeiten, in denen die Niedertracht um sich greift und man mit Menschenverachtung immer Teile der Bevölkerung mobilisieren kann, eine der wichtigsten Aufgaben von Kunst und Kultur, jene Prozesse der Bewusstwerdung zu unterstützen.
Ob das „Volksbad“ dieser Aufgabe gerecht geworden ist, mag jede*r selbst entscheiden. Ich musste nach dem Erlebnis im Pool unweigerlich an Schlingensief denken, der die Situation im spanischen Pool bestimmt sofort verstanden hätte. Er war nämlich nicht nur ein Provokateur, sondern ein Ausnahmekünstler, dem es in seinen Stücken gelungen ist, genau das herzustellen, was in diesem Beispiel das Badewasser leistet: Er hat es Menschen mit Einschränkungen ermöglicht, in einer Art und Weise zu agieren, wie sie es außerhalb der Bühne nicht konnten. Das war herausfordernd, aber oft auch die reine Freude. Die AfDler dieser Welt provoziert nichts mehr als diese Art der Freude, die sie nicht teilen können. Und auf einmal gewinnen sie mit ihrem Gegeifer keine Sympathien mehr, sondern nerven nur noch. Und darum geht es: Spielverderbern das Spielverderben zu verderben: FREUT EUCH!
Erschienen am 21.8.2026



















