Editorial
Die Entgrenzung des Szenischen
von Thomas Irmer und Ute Müller-Tischler
Erschienen in: Arbeitsbuch 2026: Setting the Stage, Vol. 3 – Contemporary Spaces (07/2026)
Originaltitel in der Printausgabe: Die Entgrenzung des Szenischen
Die stärksten Räume zeitgenössischer Szenografie entstehen dort, wo Grenzen überschritten oder ignoriert werden. Wenn Architektur zur Choreografie wird, wenn Politik sich in Material übersetzt, wenn Technologie neue Körper hervorbringt, dann wird die permanente Entgrenzung selbst zum künstlerischen Prozess.
In den vergangenen Jahren wurde diese Entwicklung in Theaterfestivals und Kunstbiennalen besonders sichtbar. Die Performing Arts haben längst die Blackbox verlassen und die Institutionen erobert. Dabei haben sie sich als eigenständige Kunstform emanzipiert – und zugleich die Frage neu gestellt, was der Bühnenraum jenseits von Spielraum und Kulisse im Stadttheater sein kann. Ist er das Ereignis selbst, das seine Wirkungsmacht entfaltet, bevor das erste Wort gesprochen ist? Ist er ein Transitraum der Künste aus dem Safe Space der Institutionen, mit dem Risiko, Regeln zu brechen und Eindeutigkeit für das Publikum aufzulösen?
„Setting the Stage Vol. 3“ geht dieser Ambivalenz nach. Theater der Zeit setzt damit die Reihe fort, die das Bühnenbild als eigenständige Form räumlichen Denkens sichtbar macht. Diese Ausgabe rückt Szenografien in den Blick, in denen der darstellerische Raum nicht länger Hintergrund bleibt, sondern Ereignis, Bedingung und kulturell aufgeladene Praxis wird. Die versammelten Beiträge stammen neben zwei eigens für diese Publikation neu erarbeiteten Positionen aus den Kunstinserts der vergangenen Jahre von Theater der Zeit; sie dokumentieren Künstlergespräche und Porträts, in denen sich die Entgrenzung des szenischen Raumes als performativer Prozess verdichtet.
Die einzelnen Kapitel zeigen unterschiedliche Perspektiven auf diesen erweiterten Raumbegriff. „Performative Räume“ zeigt den Bühnenraum als Raum der Hervorbringung: bei Florentina Holzinger/Nikola Knežević als körperliche Überwältigung, bei Anne Imhof als präzises Dispositiv von Blick und Sichtbarkeit, bei Creamcake und Ersan Mondtag als relationales, affektives Gefüge. In den „Politischen Räumen“ wird Raum als Aushandlung von Macht, Teilhabe und Ausschluss lesbar. Die Arbeiten von Henrike Naumann, Barzdžiukaitė/Grainytė/Lapelytė, Ilya Khrzhanovsky/DAU und Lars Ø Ramberg zeigen, dass politische Räume nicht erst auf der Bühne entstehen, sondern bereits in ihrer materiellen und strukturellen Verfasstheit ideologische Ordnungen einschreiben.
Die „Medialen/Digitalen Räume“ beschreiben die zunehmende Verflechtung von Bühne, Technologie und Simulation: bei Beat Brogle, James Turrell, Markus Selg und CyberRäuber als Netzwerk, Lichtfeld, digitale Infrastruktur oder hybrides System zwischen Fiktion und Realität.
„Architektur- und Landschaftsräume“ schließlich lenkt den Blick auf die Eigenmacht des Außen: Die Karpaten im Prykarpattian Theater, das Kraftwerk Berlin, die Fliegenden Städte von Tomás Saraceno oder die Interventionen Benjamin Verdoncks machen deutlich, dass Landschaft, Architektur, Klima und Urbanität nicht Kulisse sind, sondern Mitspieler:innen der Aufführung.
„Setting the Stage Vol. 3“ versteht sich als Bestandsaufnahme eines erweiterten Szenografiebegriffs. Die Ausgabe zeigt, dass zeitgenössische Bühnenräume als eigenständige Form räumlichen Denkens begriffen werden können. Sie macht an zentralen Beispielen sichtbar, wie Szenografie zwischen performativer Präsenz, architektonischer Eigenmacht, politischer Aushandlung und digitaler Vernetzung neue Formen von Wahrnehmung hervorbringt – und geteilte Verantwortung als kritische Praxis lesbar macht.




















