Auftritt
Theater Aachen: Silbenflimmern im ewigen Krieg
„Malina“ von Karola Obermüller und Peter Gilbert, Libretto Tina Hartmann (UA) – Musikalische Leitung Chanmin Chung, Inszenierung Franziska Angerer, Bühne und Kostüme Pia Dederichs, Video Fabio Stoll
von Richard Lorber
Assoziationen: Nordrhein-Westfalen Theaterkritiken Musiktheater Dossier: Uraufführungen Theater Aachen

Man hört aus dem Orchestergraben an vielen Stellen tatsächlich eine leise, dabei eindringliche und rhythmisch ziselierte Musik, die eine Art innere Dynamik entfaltet. Bachmanns leicht melodische, eindringliche, fein rhythmisierende Art des Vortrags war für Karola Obermüller und Peter Gilbert die Vorlage, um daraus die Musiksprache für eine Oper zu entwickeln in diesem Auftragswerk des Theaters Aachen mit einer Vorabpremiere bei den Schwetzinger Festspielen vor einer Woche, in der jedes Wort von Bachmann stammt.
Es erklingt ein polyphones Zirpen und Rascheln etwa in der Szene, in der der Liebhaber Ivan das schriftstellerische Ethos des weiblichen „Ichs“ banalisiert, während sie sich dagegen wehrend singt: „Ein Leuchten, ein Silbenflimmern“.
Jedes Wort von Bachmann bedeutete für die Librettistin Tina Hartmann aus mehr als 350 Seiten einen 22-seitigen, knappen, sing- und sprechbaren Text herauszudestillieren, denn vielen Passagen werden in dieser Oper rezitiert, ohne dass dabei die Musikalität verloren ginge. Das Orchester unter Leitung von Chanmin Chung stützt und sublimiert diese Passagen mit sanftem Puls wie in einem Melodram in avancierter Klangsprache.
Der Librettistin ist es gelungen, die dreiteilige Struktur von Bachmanns Roman exakt abzubilden. Im ersten Akt die erniedrigende Affäre mit Ivan, im zweiten die Traumaverarbeitung mit einer Vaterfigur, die als Nazimörder und Missbrauchstäter erscheint und für ein unheilbringendes Patriarchat steht („Es ist immer Krieg. Es ist der ewige Krieg“) und im dritten Akt die Beziehung zu dem Militärhistoriker Malina, der sich zunehmend zu ihrem Alter Ego entwickelt und in dieser Oper von dem Sopranisten Valer Sabadus gesungen wird mit einer treffenden Weichlichkeit und Weiblichkeit in der Stimme und immer leichter Distanziertheit. Am Schluss fallen dann auch die berühmten Worte „Es war Mord“, nachdem das „Ich“ in der Ritze der Wand verschwunden ist. Zuvor bäumt sich die Musik zu einem dissonanten, pastosen Choral auf, bei dem der Raum des Theaters Aachen zum ersten Mal regelrecht mit Klang geflutet wird.
Die Vielschichtigkeit des Romans mit seinen vielen Zwischentönen, Alltagsschilderungen, märchenhaften Einschüben und philosophischen Reflexionen braucht in der Oper eine Entsprechung. Das geschieht einmal die Aufspaltung der Äußerungsformen, dem ständigen Pendeln zwischen Singen und Sprechen und auch in der Zerlegung der Ich-Person: So wird die Prinzessin von Kagran, deren traurig todessehnsüchtige Liebesepisode bei Bachmann im ersten Teil steht, später mehr und mehr zum zweiten Alter Ego, etwa in der Szene, in der der Vater als Henker identifiziert wird und die Mutter als stumme Mitwissende. Hier müssen sich die beiden Frauen diese erschütternde Erkenntnis gewissermaßen untereinander aufteilen. In der Regie von Franziska Angerer verleiht Larisa Akbari der Hauptfigur eine zurückhaltende, zugleich auch eindringliche Präsenz egal ob sie für wenige Momente zur leidenschaftlichen Äußerung findet, wenn sie das Zusammensein mit Ivan herbeisehnt, oder quasi dokumentarisch Kochrezepte vergegenwärtigt. Demgegenüber ist Jelena Rakić als Prinzessin mit einem glockenreinen Sopran ausgestattet, der sie über den Sphären schweben lässt, obwohl sie wie auch der Prinz (Ángel Macías) ein tiefschwarzes gothicartiges Kostüm trägt und beide wie aus einer finsteren Welt erscheinen.
Die Bühne von Pia Dederichs ist wie ein Triptychon gestaltet, mit einer Spiegelwand in der Mitte und Videoprojektionsflächen rechts und links, die eine Art Kommentarebene bilden, am eindrucksvollsten im dritten Teil, wenn das „Ich“ und Malina auch optisch immer mehr zu einer Person verschmelzen. Vorher schon hatte Malina von oben vom ersten Rang aus kommentiert, gewissermaßen als ein räumliches Über-Ich. Micah Schroeder als Ivan verkörpert in seiner Lakonie eine Brutalität, die dadurch noch gesteigert wird, dass man ihn im Großbildvideo schmatzend sieht, während er auf der Bühne skandiert „Ich treib Dir das Alter aus“ und dazu rhythmisch pointierte Orchesterblitze aufflackern.
Im Jahr des 100. Geburtstags von Ingeborg Bachmann erweist sich ihr 1971 erschienener, einziger vollendeter Roman in seiner poetischen und schonungslos reflektierenden Art als modern und aktuell, etwa der Benennung des Alltagsfaschismus‘ in den patriarchalen Strukturen oder generell der Sprachfindung der dichtenden Person („Ich muss erzählen. Ich werde erzählen“). Er bereichert die heutige Debatte um Gendergerechtigkeit und Gewalterfahrung um einen neuen, alten Ton. Den Schöpfer:innen der Oper „Malina“ ist es gelungen, diesen Ton einzufangen und in ein eindringliches und vielschichtiges 90-Minuten-Bühnenstück zu verwandeln.
Erschienen am 5.5.2026























