Als der französische Choreograf Jérôme Bel im Herbst 2010 gefragt wurde, ob er sich vorstellen könne, ein Stück mit Schauspielerinnen und Schauspielern vom Zürcher Theater HORA zu inszenieren, hatte er gerade eine Reihe von Arbeiten mit ausgesucht virtuosen Vertretern der Tanzwelt hinter sich. Die Ensemblemitglieder des Theaters HORA hingegen verband, dass sie allesamt „geistig behindert“ sind – sozial wie künstlerisch ein Stigma, das einem in der Regel, wenn überhaupt, allenfalls Zugang zur Sub- oder Soziokultur ermöglicht. Gewiss: Bereits Bels „The show must go on“ (2000) war eine Liebeserklärung an das Nichtvirtuose im Tanz, und in seiner Virtuosenserie interessierte er sich immer wieder auch für die Schwachstellen in den tänzerischen Erfolgsbiografien. Und doch lag es nicht gerade nahe, die Serie ausgerechnet mit den Mitgliedern der Zürcher Behindertentheaterwerkstatt fortzuführen. Mit Leuten also, die mehr durch ihre Abweichungen von schauspielerischen Standards, unverstellte Emotionalität und Präsenz als durch eine ausgefeilte Technik glänzen und die die maßgeblichen Techniken und Konventionen des zeitgenössischen Theaters, wenn überhaupt, nur in rudimentärer Form verinnerlicht haben. Doch genau dies schien es gewesen zu sein, was Bel an den HORA-Schauspielern besonders interessierte. „Die Art und Weise, wie sie Theater machen, bewirkt so etwas wie eine Kritik der Kritik, mit der ich...