Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Wovon lebt der Mensch? – Wolfgang Engler und Klaus Lederer (02/2018)

Anzeige

Eingang. Ausgang. In Zeiten ausufernder Sondierungsgespräche und parteiinterner Krisen werden selbst Ämter zu symbolisch raunenden Räumen. Auf der Suche nach einem geeigneten Setting für unser Coverbild hätte sich kein passenderes Requisit finden können als der achtlos beiseitegerollte Postwagen in der Senatsverwaltung für Kultur und Europa in Berlin. Eingang. Ausgang. Was kommt rein, was geht raus? Tatsächlich sind es solche Grundsatzfragen, vor denen die etablierten Parteien angesichts des Wahlerfolgs der AfD gerade stehen. Auch die Linke sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, zugunsten von Identitäts- und Diversitätspolitik die Frage nach dem sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft vernachlässigt zu haben. Muss sich die Linke parteipolitisch also neu konstituieren? Darüber sprachen Berlins Kultursenator Klaus Lederer und der Soziologe Wolfgang Engler in unserem Schwerpunkt. Die neoliberale Hegemonie mit einer anderen, neuen Erzählung infrage zu stellen, darin sieht Lederer die Chance für „eine ganz neue Linke, die als zentralen Widerspruch nicht den zwischen Kapital und Arbeit erkennt, sondern die inneren Widersprüche des Kapitalverhältnisses selbst sieht“. Auch die Kunst müsse sich vor dem Gestus der Neoliberalisierung schützen. Sie laufe Gefahr, ohne Kanten überall gleich zu sein, leicht konsumierbar, austauschbar. „Primat der stayer vor dem Jetset“, fordert Wolfgang Engler – auch im Hinblick auf das neue Programm der Volksbühne Berlin, die ihrem Namen nicht mehr gerecht wird.

Die Bühnen der Politik und der Kunst sind sich auch deshalb so nah, weil hier wie dort Sprache ein entscheidender Faktor ist. Sprache determiniert Wahrnehmung, argumentiert Lukas Franke in seinem Kommentar mit Ludwig Wittgenstein und eröffnet damit seine kritische Analyse der Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit um Philipp Ruch, das jüngst mit einem Nachbau des Holocaust-Mahnmals vor dem Wohnhaus des AfD-Politikers Björn Höcke wieder einmal für Schlagzeilen sorgte. Die Aktion war freilich als Protest gedacht und doch weise sie, so Franke, eine zweifelhafte Nähe zum Denken und Auftreten der Neuen Rechten auf. „Was ihre Rhetorik angeht, so haben sich in Höcke und Ruch zwei Antagonisten gefunden, die sich auf der begrifflichen Ebene durchaus gut verstehen. Wo Höcke von der ‚moralischen Pflicht‘ sogenannter Patrioten spricht, kontert Ruch mit der ‚heiligen Pflicht‘ derer, die er Humanisten nennt.“ Auch Bernd Stegemann überführt rechte und linke Denker in seiner Analyse der Bücher „Mit Rechten reden“ und „Mit Linken leben“ einer ähnlichen Strategie. Das Ausnutzen bürgerlicher Wut durch entsprechende Rhetorik führe zu einer unergiebigen Moralisierung der Politik. Wie schnell tatsächlich die Hinwendung von links nach rechts erfolgen kann, zeigt unser Stückabdruck in diesem Heft. In „Zweikampf“ lässt der Berliner Schriftsteller Ralph Hammerthaler mit Anton und Georg zwei einstige Freunde auftreten, die früher gemeinsam in der SPD aktiv waren – heute steht Georg politisch rechts. Der Historiker Volker Weiß diskutiert im Gespräch mit dem Autor über den Erfolg der Neuen Rechten.

Um Affekte im gesellschaftlichen und politischen Raum geht es sowohl unserer Kolumnistin Kathrin Röggla als auch der Bühnenbildnerin Katrin Wittig. Deren Arbeiten zeigen wir in unserem Künstlerinsert. Und auch Stefan Rosinski zeigt sich als ein Experte in Sachen Affekt. Dirk Laucke kommentiert einen Artikel des Geschäftsführers der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle (TOOH), den dieser im Mai 2017 in der Zeitschrift Merkur veröffentlichte. Darin schließt der TOOHChef den Ruf nach „echter“ Kunst mit dem Potenzial neoliberaler Managementstrategien kurz. Ein Schelm, wer darin eine weitere Harke gegen das neue Team der Oper Halle sieht, mit dem Rosinski seit vergangenem Sommer im Clinch liegt.

Derartige Streitigkeiten auf offener Bühne liegen Barbara Nüsse fern. Die große Diva des Thalia Theaters Hamburg, die im Februar ihren 75. Geburtstag feiert, verfügt über die Fähigkeit, das Eigene stark zu machen – ohne dabei aufzuhören, Mitspielerin zu sein, schreibt Gunnar Decker. Wir gratulieren aufs Herzlichste. //

Die Redaktion

teilen:

Neuerscheinungen im Verlag

Theater der Zeit Cover Juni 2026
Theater der Zeit Cover Mai 2026 – Florentina Holzinger

Anzeige