Asymmetrische philosophische Ästhetik: Orpheus in der Oberwelt
von Julius Heinicke
Erschienen in: Recherchen 148: Sorge um das Offene – Verhandlungen von Vielfalt im und mit Theater (05/2019)
Assoziationen: andcompany&Co.
In letzter Zeit wurde das Potenzial des ästhetischen Raums, tradierte Grenzen des philosophischen Denkens zu sprengen, auch im deutschsprachigen Theaterschaffen entdeckt – häufig von Gruppen der Freien Szene, die als Kollektiv arbeiten und ohne einen einzelnen Regisseur auskommen. Im Prolog wurde die Produktion Orpheus in der Oberwelt: Eine Schlepperoper von andcompany&Co. vorgestellt und gezeigt, dass in der Aufführung Diskurse des christlichen Abendlandes über das Fremde verhandelt und Wege gesucht werden, den üblichen Dichotomien zu entkommen. Die Art und Weise dieses Unterfangens gestaltet sich vielschichtiger als es in den meisten Produktionen und Texten dieses Themenfelds geschieht, die, wie anhand des Begleithefts des Festivals „Männlich Weiß Hetero“ am HAU gezeigt, binäre Oppositionen lediglich wiederholen. Das Stück kann durchaus als wissenschaftliches Experimentierfeld verstanden werden, auf welchem der philosophische Diskurs im Sinne einer „performance based research“ fortgeführt wird. Es steht jedoch auch in einer afrikanischen Tradition ästhetischer Arbeit, Philosophie, Kunst und Wissenschaft zu verknüpfen, wie Mbembe sie beschreibt.
Andcompany&Co. bringt mit Orpheus in der Oberwelt ähnlich dem afrikanischen Kunstschaffen zwei Ausrichtungen der Ästhetik zusammen, die sich in Europa im Laufe des 18. Jahrhunderts voneinander getrennt entwickelt haben. So beschreibt Doris Kolesch den Werdegang der Ästhetik:
Zum einen gilt die Ä[sthetik] seit 1750 als Teildisziplin...