Auftritt
Biennale München: Tanz mit Karla
„V01CES//B0¬D1EZ“ Musiktheater nach Hans Werner Henzes „Voices“ und Piyawat Louilarppraserts „R3SIST4NC3 B0D1EZ“ (UA) – Komposition Piyawat LouilarpPrasert & Hans Werner Henze, Musikalische Leitung Bas Wiegers, Regie Amy Stebbins, Ausstattung Christian Wiehle, Video Alexander Hügel, Sound Design Georgios Maragkoudakis, Licht Design Ramona Lehnert
Assoziationen: Musiktheater Theaterkritiken Bayern Dossier: Uraufführungen

„Musik kann jede Geschichte erzählen“, fand der 2012 verstorbene Komponist Hans Werner Henze. 100 Jahre wäre er 2026 geworden und zwanzig wird die von ihm gegründete Münchner Biennale. Anlass genug, dieses doppelte Jubiläum mit dem Musiktheaterstück „V01CES//B0D1EZ“ zu zelebrieren, eine Begegnung des jungen thailändischen Komponisten Piyawat Louilarpprasert mit acht Liedern aus Henzes Liedzyklus „Voices“ für Tenor und Mezzo-Sopran von 1973. „Komponieren ist so chaotisch, wild und hart, ein Kampf, der einen oft an die Grenzen des physisch und psychisch Erträglichen treibt“, beschrieb Henze sein alltägliches Ringen um die Kunst. Louilarpprasert ersparte sich einen Teil dieses Ringens, indem er das Libretto für „R3SIST4NC3 B0D1EZ“, so der vollständige Titel, gleich von der KI schreiben ließ.
Doch was haben Henze und Louilarpprasert gemein, die nicht nur drei Generationen trennen, sondern auch gesellschaftliche und historische Erfahrungen? Da ist Henze, Jahrgang 1926, von den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem Krieg geprägt, der als homosexueller Opernkomponist die Ansichten und Vorstellungen in musikalischer wie gesellschaftlicher Hinsicht sprengte. Und mit seinem weltmännischen Auftreten, seiner eleganten Kleidung und seiner Villa in der Nähe von Rom zum Inbegriff des Dandys und Lebemanns wurde. Manche sahen in ihm auch einen bourgeoisen „Salonkommunisten“. Und da ist der 33-jährige thailändische Multimedia-Komponist und heutige Wahl-New Yorker Piyawat Louilarpprasert: ein Mann mit der Ausstrahlung eines Nerds, der einräumt, dass er in einem zweiten Leben gerne Computerhacker geworden wäre, und von CNN unlängst zum „rebellischen Komponisten“ deklariert wurde. „R3SIST4NC3 B0D1EZ“ nennt er sein „Update“ von Henzes „Voices“. Das klingt nicht nur wie einer der Namen, die Elon Musk seinen Kindern gibt. Die Wörter Resistance und Body sind aus dem Titel herauszuhören und zu lesen. Also Widerstand. Und Körper. „Henze sammelte die kollektiven Stimmen der Gesellschaft ein und gab sie in seiner Musik wieder“, sagt der Musikwissenschaftler Wolfgang Rathert im Konzertprogrammheft. So wohl auch Louilarpprasert.
Eingebettet hat Amy Stebbins die Werke in ein klinisch-forensisch anmutendes Drehbühnen-Setting mit Akteur:innen in Laborkitteln und weißen Schutzanzügen. Den Anfang macht Henzes Lied „The Worker“, in dem die Rechtlosigkeit der Schwarzen Arbeiter in den USA angeprangert wird. Mit afro-amerikanischen Trauerchorgesängen und frei atonalen Gitarren-Akkorden unterstreicht Henze die Klage eines Sohnes, der seinen Vater bei einem tödlichen Arbeitsunfall verloren hat. In den Videoeinblendungen von Alexander Hügel sieht man dazu nur Arbeiter am Fließband einer Fast Fashion-Fabrik. Bilder, die die Dramatik der Situation nicht abbilden. Für Brechts „Keiner oder alle“ nutzt Henze den Marsch-Stil der Kampflieder von Hanns Eisler oder Paul Dessau. Dem entspricht Hügel mit plakativen Bildern von Protestdemos. „The Electric Cop“ prangert die Gewalt und die Lügen im US-amerikanischen Fernsehen mit den Mitteln der Collage an: Baseball-Reportage versus Sibelius’sche Streicher-Opulenz. Hügel zeigt scrollende TikTok-Videos, auf denen Trump und Epstein zu sehen sind. Bei Brechts „Gedanken eines Revuemädchens“ lässt die Regie drei Frauen in einschlägiger Montur zu Tangorhythmen und atonaler, vierteltönig verzerrter Musik ihre Körper auf der Dreh-Bühne wie in einer Peepshow bewegen. Plötzlich geht ein Schrei durch die Menge. Henzes „Screams!“. Überwältigend diese expressionistische Avantgarde-Explosion. Die perspektivische Verschränkung aller Details gelingt in dieser Konsequenz nur den ganz Großen. So auch im effektvollen „Prison Song“, den Henze unter dem Eindruck des Vietnamkriegs nach einem Text von Hồ Chí Minh komponierte, und das satirische „Recht und billig“ nach einem Gedicht von Erich Fried. Es greift eine Zeitungsmeldung über die empörend geringen Entschädigungszahlungen der Amerikaner an die vom Krieg betroffenen vietnamesischen Zivilisten auf. Genial vertont: Die kleinstädtische Feuerwehr- oder Dixielandkapelle verbreitet zunächst amerikanische Gemütlichkeit und gute Laune. Plötzlich flippt eine Klarinette aus und führt das Ganze ins Absurdum. Exzellentes Ensemble unter Bas Wiegers.
„Entschädigung!“ Das wird zum Stichwort von Louilarppraserts Roboterin Karla, die über die Bühne stapft – inklusive Programmierfehler. Vom „amazön“-Boten wird sie, 35 kg schwer, geliefert, wie auch die „Shrimps“, Plastikröhrchen, auf denen Musik produziert wird. Am Ende kommt alles in den Schredder, die Magna Charta, das Grundgesetz und Henzes Partitur. Und was wäre heute das Theater ohne die schillernde Figur des Donald Trump, an der sich jeder abarbeiten will? Rote Käppis mit dem Spruch „Make Klassenkampf great again“ werden verteilt, zu Maschinenbeats wird um Karla herum getanzt. Selten war zeitgenössisches Musiktheater so amüsant!
Erschienen am 15.5.2026




















