Auftritt
Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin: Strampeln bis zur Unmündigkeit
„Red Zone“ von Helene Hegemann und River Roux nach „Die Weibervolksversammlung“ von Aristophanes (UA) – Regie Bibiana Mendes, Bühne und Video Nicole Marianna Wytyczak, Kostüme Olja Grubić, Musikerin und Live-DJ Gadutra
von Jens Fischer
Assoziationen: Theaterkritiken Mecklenburg-Vorpommern Dossier: Uraufführungen Bibiana Picado Mendes Helene Hegemann Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin

Fitness-Boutiquen boomen, immer mehr junge Menschen versuchen, ihre Körper fürs Ideal eines schlanken Kraftkörpers zu designen und so Attraktivität auszustrahlen. Gerade in deindustrialisierten Hallen bevölkerungsreicher Stadtrandbezirke eröffnen Gym-Ketten neue Filialen. Deswegen ist es erst einmal nicht erstaunlich, wenn in solch einem charmefreien Zweckbauquader im Schweriner Stadtteil Großer Dreesch, Norddeutschlands größter Plattenbausiedlung, plastikbunt gewandete Menschen im Schweiße ihres Angesichts auf Sportgeräten trainieren. Und weil dies derzeit gern als Spaß verkauft wird, ist es auch hier als Party inszeniert – mit Discolightshow und sogar einer DJ (Gadutra), die sich um Tempo, Rhythmus und Atmosphäre der physischen Ertüchtigung kümmert. Allerdings ist die „M*Halle“, einst Zeitungsdruckerei, eine Bühne des Mecklenburgischen Staatstheaters. Ungewöhnlich also, dass hier mal nicht so getan wird, als ob, sondern live bis zur Erschöpfung auf Spinning-Rädern gestrampelt und zur Entspannung Gymnastik exerziert wird. Totalüberwacht von Sensoren, wobei die Vitaldaten für den Wettbewerb untereinander auf einer Leinwand zu lesen sind (Bühne: Nicole Marianna Wytyczak). Das so zur Uraufführung kommende Stück „Red Zone“ von Helene Hegemann und River Roux soll offensichtlich den Selbstoptimierungswahn thematisieren. Regisseurin Bibiana Mendes hat ein fittes Ensemble zusammengestellt aus Schauspieler:innen und Studierenden der Hochschule für Musik und Theater (HMT) Rostock, die auch noch ein wenig spielen und einen nervtötenden Mix aus Deutsch und Englisch sprechen müssen.
Das Drama: ein gut einstündiges Before-Work-Training der „Sunrise Class“. Praxagora (Agnes Hestholm) gibt die Einpeitscherin, sorgt mit einer Mischung aus Gospel-Predigerin des Kapitalismus und Sektenführerin der Fascho-Fitness für militärischen Drill. „Wir lernen, auf der Grenze zum Zusammenbruch zu arbeiten“, wie eine Figur das Programm versteht. Allesamt sind wohl junge Besserverdienende, die neoliberale Diskurse verinnerlicht haben und nun täglich an einer besseren Version ihres Selbst arbeiten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Der Körper ist dabei eine Art Visitenkarte ihrer Persönlichkeitsshow. Er soll Eigenschaften kommunizieren wie Gesundheit, Willensstärke, Belastbarkeit, Disziplin, Leistungsbereitschaft, Standvermögen und Hart-gegen-sich-selbst-Sein. Was andererseits einen Prozess der Erniedrigung des Menschen zur wirtschaftlichen Ressource darstellt.
Da die Gymnutzer:innen meinen, immer noch fitter, produktiver, gesünder werden zu können, besteht permanent Konsumbedarf an Angeboten dieser Fitnesskaderschmieden. Was für ein profitables Geschäftsmodell das ist, verdeutlicht die Aufführung gleich in der ersten Werbeeinblendung. Der Chef des Unternehmens, eine strahlende Witzfigur ökonomischen Erfolgs, verkündet, die sprudelnden Gewinne jetzt in das erste KI-Rechenzentrum in Mecklenburg zu investieren. „Fitness brand in the tech industry“. Dafür müssen zwar die Seen in und bei Schwerin ausgetrocknet werden, aber egal. „Es ist die Evolution, der Wille Gottes, der Wettlauf der Stärksten.“
Als ein Grund für die karrieristische Hochleistungsperformance junger Menschen wird wie häufig bei Hegemann ein Gefühl von Unruhe ausgemacht, das sich in einer vagen Angst manifestiert. Oft steckte in ihren Werken die globale Multikrisenlage dahinter. In „Red Zone“ ist es etwas privater. In kurzen Monologen sprechen zwei Figuren – während die anderen in Roboterbewegungen verfallen – von ihren Schmerzen, von Einsamkeit, schwieriger Beziehung und eben einer Angst – vor Faschismus, Sex im „Doggy Style“, nutzlosem Herumhängen, Gutwerden im Aufgeben und dass „nie wieder jemand zu mir sagt‚ du bist doch topfit‘ und dabei so anerkennend wie neidisch klingt“. Hinzu kommt die Angst, „dass es kein Foto von mir geben wird, auf dem ich sehr breit grinse und beide Arme in die Luft strecke“. Aber schon werden wieder Anspornbefehle gebrüllt und durch Zustimmungsäußerungen gespiegelt. Bis einer kotzt. Andere sich über den Boden quälen. Eine Frau einfach nur noch raus will aus dieser autoritären Trainingsstruktur und sich empört: „Die brauchen euch nicht mal zu zwingen, ihr macht den Scheiß hier freiwillig.“ Die Animateurin befeuert ungerührt weiter die soziale Kälte und damit die Angst der anderen: „Do not look at her: wer dahin guckt, wird langsamer, wer langsamer wird, stirbt.“
Die Kritik an der vorgeführten Lebenshaltung vermittelt sich. Und sonst? Das Stück soll laut Ankündigung „nach“ der antiken Satire „Die Weibervolksversammlung“ von Aristophanes verfasst worden sein. Darauf deutet nur der Name der Kursleiterin Praxagora hin. In der Vorlage empowert sich Praxagora mit anderen Frauen, die männliche Herrschaft in der Volksversammlung (Ekklesia) zu brechen, da sie den Staat heruntergewirtschaftet habe und die Politik von Kriegstreiberei und Selbstbereicherung gekennzeichnet sei. In Männerkleidung erreichen die Frauen die Mehrheit in der Volksversammlung und treten für eine präkommunistische Idylle ein mit Vergesellschaftung des Privateigentums, gleichem Lohn und auch Sex für alle, täglich kostenloser Volksspeisung usw. Nichts davon spielt in „Red Zone“ eine Rolle. Final strahlen die Pedalritter:innen eine Rede ins Handy, bei der es laut Textvorlage um „die Übernahme des AfD-Parteitages“ geht. Was die Inszenierung nicht verdeutlicht. Es wird ein kürzlicher Wahlerfolg erwähnt, „Wir sind das Volk“ und die Stärke der Gemeinschaft werden behauptet. Schließlich gehen alle baden – in einer Videozuspielung. Ein Ersatz fürs Duschen? Ein Akt der Befreiung von der totalitären Fitness-Abrichtung? Die politische Zielrichtung bleibt unklar, der Abend verpufft im Diffusen. Trotz des präzisen Settings, der physischen Power und Zeitgeistkritik eine reichlich unausgegorene Performance.
Erschienen am 7.10.2026

















