Editorial
"Atlas wirft die Welt ab“ – so hübsch allegorisch kommt er daher, der Radikalindividualismus im Dienste des Turbokapitalismus. Doch der Titel freilich trügt. Ayn Rands 1957 erschienener Roman – auf Deutsch mit „Der Streik“ übersetzt – erzählt eine Geschichte, die uramerikanischer nicht sein könnte: den Traum vom Triumph des intelligenten Einzelnen über die Trägheit und Larmoyanz der Masse. „Dass Atlas die Welt abwerfen könnte“, schreibt unser Autor Martin Krumbholz, „ist dabei eher als Drohung zu verstehen: Wenn die Elite ihre Initiativen einstellen und auf Investitionen in den wirtschaftlichen (also gesellschaftlichen) Fortschritt verzichten würde, könnte die Mehrheit sehen, wo sie bleibt.“
Stefan Bachmann hat diesen Roman – im Amerika der neunziger Jahre wurde er zum zweitwichtigsten Buch nach der Bibel erklärt – zu seinem Neustart am Schauspiel Köln höchstpersönlich auf die Bühne gebracht. Das Erstaunliche daran: In Kombination mit der ebenfalls zur Eröffnung gezeigten Premiere von Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ in der Regie von Moritz Sostmann ergeben sich gruselige Parallelen. In ihrem nüchternen Menschenbild, so Krumbholz, seien sich Brecht und Rand näher, als ihnen vielleicht lieb wäre. Beide Figuren, Shui Ta und Dagny Taggart, seien autonome und hochintelligente Persönlichkeiten, die sich gegen die Faulheit und Inkompetenz ihrer Umgebung durchsetzen müssen und werden. Auf die unheimliche Nähe zwischen Kapitalismus und Künstlertum wiesen in ihrer Ayn-Rand-Adaption „Capitalista, Baby!“ auch Tom Kühnel und Jürgen Kuttner hin. Mit Letzterem unterhielt sich Gunnar Decker über Willy Brandt, den ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler im Nachkriegsdeutschland, der u. a. Rands Hassbegriff der Solidarität mit Leben füllte. Am 18. Dezember wäre Brandt 100 Jahre alt geworden.
Wie viel Staat braucht die Kunst? Wie viel Flexibilität eine Institution? Sind die Arbeitsstrukturen der freien Szene als neoliberales Ausbeutungsmodell zu kritisieren? Verhindert der Sozialstaat mit seinen subventionierten Stadt- und Staatstheatern tatsächlich echte Kunstproduktion? Darüber diskutieren Thomas Ostermeier, Chef der Schaubühne am Lehniner Platz, und Thomas Oberender, Leiter der Berliner Festspiele. Denn die Agenda 2010, die mit Beginn der Schröder-Jahre nicht nur den Sozialstatt, sondern auch die Kulturpolitik traf, hat längst zu einem immer evidenter werdenden Strukturwandel geführt. Deregulierung lautet das Stichwort. Weniger Subventionen, mehr Projektförderung. Ein Transformationsprozess, den Thomas Ostermeier als schleichende Amerikanisierung Europas hochgradig besorgniserregend findet, während Thomas Oberender die Chance sieht, endlich über neue, hybride Institutionstypen nachzudenken. Ein Streitgespräch, das wir mit Schlaglichtern aus den freien Szenen in Leipzig, Nordrhein-Westfalen und München begleiten.
Über die schleichende Amerikanisierung ganz anderer Art schreibt in diesem Heft Josef Bierbichler. In Zeiten, in denen dank der Enthüllungen Edward Snowdens immer klarer wird, dass in Deutschland die US-Geheimdienstler bereits eine schon nicht mehr klein zu nennende Bevölkerungsgruppe ausmachen, ließe sich, so Bierbichler, mit NSA und Merkels Handy gut und empört davon ablenken, „dass es auf lange Sicht darum geht, nach und nach das Abhören zum allgemein akzeptierten Kulturgut werden zu lassen. So wie es in Amerika schon der Fall zu sein scheint – in diesem geistig und kulturell immer mehr vertierenden Welteneck.“ Im Kosovo indes stellt sich das Verhältnis zu den USA etwas komplizierter dar, war es doch die NATO, die unter Federführung der Amerikaner 1998/99 „aus humanitären Gründen“ in den Jugoslawienkrieg eingriff und ein UN-Protektorat einrichtete. Für Ruhe zwischen den verschiedenen Ethnien und Glaubensgemeinschaften sorgte dies jedoch nur bedingt, wie unser Stückabdruck zeigt: Die Zerstörung des Eiffelturms des kosovarischen Autors Jeton Neziraj.
In diesem Heft müssen wir uns schweren Herzens von einem anderen Künstler vom Balkan verabschieden: Dimiter Gotscheff, der zeit seines Lebens nicht locker lassen wollte in seiner gewaltigen, tiefgründigen, existenziellen Beschäftigung mit Geschichte und all ihren Verwerfungen. Gunnar Decker schreibt über diesen Jahrhundertregisseur, für dessen „aus dem Osten Europas erwachsenen Blick … wir nun, nach seinem Tod, keinerlei Ersatz wissen“. Am Ende bleibt also nur noch das Schweigen. Ein Schweigen – wie es der Vortragskünstler Wolfgang Krause Zwieback in unserem liebevoll-melancholischen Künstlerinsert formuliert – um zu reden. //
Die Redaktion
















