Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Theaterkritik - wie und für wen? (03/1979)
Viele Überlegungen unserer Kritiker laufen auf das Quantitätsproblem hinaus: gäbe es mehr Platz, könnten wir mehr Aspekte in der Kritik unterbringen und Bedürfnisse besser befriedigen. Ich will diese Sorgen nicht als unbegründet bezeichnen. Wir sollten aber doch unnachsichtiger hinter den pragmatischen Fragen Wesen und Funktion der Theaterkritik aufdecken.
Mir scheint, es gibt Unklarheiten über das Verhältnis von Gegenstand kritischer Tätigkeit und Funktion von Kritik. Eine der Forderungen an die Kritik ist beispielsweise, mehr Beschreibungen zu liefern, weil dadurch die kritische Verständigung mit den produzierenden Künstlern stattfinden könnte: man soll belegen, was man gesehen hat. Ebenso seien Beschreibungen für das Publikum nötig, um ihm Vermittlungen für das kritische Urteil zu geben. Wer dieGeschichte der Theaterkritik überschaut, wird sehen, daß früher weniger Beschreibungen geliefert wurden. Zeugt das davon, daß die Kritiker damals Pflichten nicht genügend gerecht wurden? Sind wir zu größerer Sachkundigkeit entschlossen, weil veränderte Zuschaukunst und ernsthaftere Einsicht in die gesellschaftliche Bedeutung des Theaters das erfordern? Das letztere gewiß! Dennoch sagt der Unterschied nicht nur etwas über Theaterkritik und ihr Verhältnis zum Theater, sondern auch etwas über Kultursoziologie aus. Offensichtlich funktionierte Theaterkritik damals anders, und das äußerte sich in der Proportionsfrage. Der Kritiker konnte offenbar mit einem Publikum rechnen, dessen Verhältnis zum Theater - nicht unbedingt zur einzelnen Inszenierung - anders war und eigentümliche praktische Bindungen aufwies, beispielsweise in der Bekanntschaft mit Schauspielern in ihren Rollen, die als vorhanden in Rechnung gestellt werden konnten.
Ich gehe von meinem eigenen Elternhaus aus. Vater und Mutter waren Arbeiter ohne systematische Bildung in Kunstfragen. Aber sie nahmen teil an der Bildungsarbeit in der Arbeiterbewegung, waren literatur- und theaterinteressiert. Beide haben eine beachtliche Kenntnis beispielsweise von Schauspielern, die sie zum Teil im Theater, im Film, im Fernsehen gesehen haben. Das ist weder eine theatergeschichtlich zuverlässige Kenntnis noch besagt es etwas über das Verständnis einer einzelnen Aufführung gestern oder heute. Aber ich habe oft bemerkt, daß damit ein Hinterland an Bekanntschaft mit dem Theater, Erfahrungen mit Theateraufführungen, ein Reservoir an Beobachtungen, Assoziationsfähigkeit usw. gegeben ist, wodurch eine große, sachlich begründete Zugänglichkeit für Kritik und Urteil im Hinblick auch auf heutige Aufführungen gesichert ist, auch in den Proportionen, die die Kritik heute bietet. [...].
Aus Rolf Rohmer: Theaterkritik - wie und für wen? S. 5 (S. 5-6).
















