Auftritt
Nationaltheater Mannheim: Die wilden Herzen
„Sturmhöhe“ von Emily Brontë – Regie Charlotte Sprenger, Konzept Charlotte Sprenger, Aleksandra Pavlović & Olivia Ebert, Bühne & Kostüme Aleksandra Pavlović, Musik Jonas Landerschier.
von Elisabeth Maier
Assoziationen: Theaterkritiken Baden-Württemberg Olivia Ebert Charlotte Sprenger Nationaltheater Mannheim

Im Auge des Sturms sind die Menschen hilflos und klein. Über den Köpfen der jungen Frauen in ihren bunten Reifröcken braut sich ein Gewitter zusammen. Gegen solche Naturgewalten stemmten sich die Brontë-Schwestern mit ihrer Literatur. Mit ihrem einzigen Roman „Wuthering Heigths“ hat Emily Brontë Weltliteratur geschaffen. Am Nationaltheater Mannheim verorten Regisseurin Charlotte Sprenger und ihr Team die Handlung in der Biografie der Schwestern, die im 19. Jahrhundert kaum Chancen hatten, sich auf dem literarischen Markt zu behaupten.
Heute trifft ihr Schauerroman mehr denn je ins Herz einer jungen Generation, die nach Wegen aus einer unerträglichen Wirklichkeit sucht. Emerald Fennells neueste Verfilmung „Sturmhöhe“ kam Anfang 2026 in die Kinos. Die knallharte, opulent ausgestattete Geschichte der Hassliebe zwischen Catherine und Heathcliff ließ wenig übrig von der Verklärung des Viktorianischen Zeitalters, die den Roman so vielschichtig, aber auch so verstörend macht.
Mit dem Zauber dieser Sprachkunst spielen Charlotte Sprenger, Aleksandra Pavlović und Olivia Ebert im Regiekonzept ihrer Bühnenadaption. Dabei denken sie die Biografie der Brontë-Schwestern mit. In Mannheim tanzen die Literatinnen hinter dem durchsichtigen Vorhang. Anfangs sind ihre Silhouetten verschwommen. Dann öffnet sich der Blick in ihre Welt.
Die drei spielen sich in die hier gänzlich unromantische Liebesgeschichte von Cathy und Heathcliff hinein. Aleksandra Pavlović hat einen Raum geschaffen, der wie ein Sog wirkt. Den Sturm, der sich über den Frauen zusammenbraut, hat sie nachgebildet. Auf dem kreisrunden Konstrukt mit Stegen spielen die Frauen literarische Fantasien nach. „Dass es eine Kraft gibt, die sie zurückbringt. Die Toten. Wenn ihre Herzen nur wild genug waren im Leben.“ Laut und leidenschaftlich sagt Annemarie Brüntjen diesen Satz. Und beschreibt damit ihre Cathy aufs Schönste.
Die junge Frau ist – wie die Brontë-Schwestern – in der stürmischen Moorlandschaft gefangen. Ihre Wildheit kostet Brüntjen aus. Vielschichtig und klug legt die Schauspielerin ihre Figur an. Als der Vater den Waisenjungen Heathcliff in den Haushalt aufnimmt, ändert sich ihr Leben radikal. Zwischen den beiden entspinnt sich eine Hassliebe, die feuriger und vernichtender nicht sein könnte. Erst wachsen beide wie Geschwister auf. Dann wird Heathcliff zunehmend auf seine Rolle als Stallbursche reduziert. Ein Lebensentwurf, gegen den sich der einsame Wolf heftig sträubt.
Shirin Ali übernimmt die Rolle des ungestümen jungen Mannes. Seine gnadenlose Kälte, in die ihn die Gesellschaft getrieben hat, legt sie schonungslos offen. Da ist nichts Romantisches in den Dialogen mit Cathy. Liebe ist nackter Trieb. Hass gräbt sich in die ungleiche Beziehung. Das Feuer erlischt. Stark kommen die Beziehungsgeflechte im Konzept von Sprenger, Pavlović und Ebert zum Tragen. Großartig legt Jessica Higgins als Nelly die Standesunterschiede offen, in denen die Figuren gefangen sind. Ihr subtiler Sprach- und Spielwitz nimmt dem Abend Schwere. Jonas Landerschiers Musik peitscht Emotionen hoch.
In faszinierender Dichte erfasst das Mannheimer Ensemble anfangs die Tiefenschichten des Romans. Die verbalen Schlachten, in die sie sich verstricken, sind grandios. „Heathcliff ist mehr Ich als ich selbst“, sagt Cathy. Ihre unglückliche Seelenverwandtschaft setzen Annemarie Brüntjen und Shirin Ali groß in Szene.
Nach der Pause gleitet Sprenger und dem Team das überzeugende Konzept immer wieder in schräge Performances ab. Fabian Dotts Edgar, mit dem Cathy eine Vernunftehe eingeht, bleibt eine Karikatur. Rahel Weiss als seine peinliche Schwester Isabella bringt das Publikum zwar zum Lachen. Die gnadenlosen Psycho-Spiele, die auch sie virtuos beherrscht, verwischen ihre One-Woman-Show. Rocco Brück als gescheiterter Bruder Cathys, an dem Heathcliff seine Rachegelüste auslebt, zeigt einen verletzten Menschen.
Obwohl Regisseurin Sprenger den Spagat zwischen Lachen und Schrecken nicht konsequent meistert, überträgt ihr Team und das Ensemble Emily Brontës schaurig-schöne, aus heutiger Sicht aber angestaubte Literatur in die Wirklichkeit eines jungen Theaterpublikums. Cathy und Heathcliff sind Kinder einer Zeit, die nur vermeintlich ohne Standesgrenzen auskommt. Hass, Dominanz und die Unfähigkeit zu lieben zerstören Menschen – damals wie heute. Statt Fluchtwege aus der Realität zu öffnen, legt die junge Regisseurin den Finger in die offenen Wunden ihrer Wirklichkeit.
Erschienen am 29.4.2026





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