Theater der Zeit

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Bericht

Süß-saurer Einheitsbrei bremst kulturelle Vielfalt

Holger Schultze punktet bei seinem letzter Heidelberger Stückemarkt als Intendant mit dem internationalen Profil und ästhetischer Entdeckungslust

von Elisabeth Maier

Assoziationen: International Baden-Württemberg Dossier: Neue Dramatik Yannic Han Biao Federer Holger Schultze Theater und Orchester Heidelberg

„Asiawochen“ von Yannic Han Biao Federer in der Regie von Wang Chong beim Heidelberger Stückemarkt. Foto Susanne Reichardt
„Asiawochen“ von Yannic Han Biao Federer in der Regie von Wang Chong beim Heidelberger StückemarktFoto: Susanne Reichardt

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Der Traum vom eigenen Asia-Imbiss ihres Vaters ist zerplatzt. Fassungslos muss die Lehramtsstudentin Vanessa mit ansehen, wie ihr Vater in der deutschen Gesellschaft den Boden unter den Füßen verliert. Statt Menschen mit asiatischer Kultur vertraut zu machen, steht der stolze Gastronom jetzt bei McDonald’s hinter der Theke. Der Fast-Food-Imperialismus zertrümmert Kulturen. Yannic Han Biao Federer legt in „Asiawochen“ verdrängte Geschichte und koloniale Strukturen offen. Vergnüglich und mit politischem Tiefgang hat der chinesische Regisseur Wang Chong das Siegerstück des Heidelberger Stückemarkts 2025 in Szene gesetzt.

Seit einer Woche sind bei dem Festival deutschsprachige Ensembles, Podiumsdiskussionen und Konzerte zu erleben. Die Stadt feiert mit Bands und Tischtennis für alle vor dem Theater. Mit Gastspielen und Produktionen des Gastlandes Kanada und der Siegerehrung der Dramatiker:innenwettbewerbe geht der 43. Heidelberger Stückemarkt am Sonntag zu Ende. Es ist die letzte Festival-Auflage des scheidenden Intendanten Holger Schultze. Die Eröffnungsproduktion „Asiawochen“ steht für das internationale Profil des Stückemarkts in der baden-württembergischen Universitätsstadt, das Schultze und sein Team weiter geschärft haben.

Der Theaterchef, der die Bühne seit 2011 leitete, ist mit seinem Team viel gereist, hat das deutsche Publikum mit anderen Theaterkulturen vertraut gemacht. Da ging sein Einsatz weit über Gastspiele oder gelegentliche Tagungen hinaus. Die Netzwerke, die Schultze in den Jahren mit dem Stückemarkt aufgebaut hat, ebneten einem Theater der kulturellen Vielfalt den Weg. Der neuen Dramatik internationale Horizonte zu öffnen, das hat den 64-jährigen Theaterchef und Regisseur immer gereizt. Dabei war es in Zeiten von Zensur und politisch motivierter Kulturkämpfe nicht immer leicht, das Gastlandprogramm zu kuratieren. Gerade im Fall Chinas (2025) oder Georgiens (2024) war da das große diplomatische Geschick des Berliners gefragt.

Dass mit Wang Chong ein bekannter chinesischer Regisseur den komplexen Stoff in Heidelberg in Szene setze, zeigt die Offenheit der Bühne. Für den Autor Federer, der in Köln als freier Autor schreibt und lebt, ist die Auseinandersetzung mit der verdrängten Kolonialgeschichte Deutschlands und Asien viel mehr als Geschichtsstoff. In der Vergangenheit liegen für ihn die Wurzeln eines Rassismus, der sich durch die vermeintlich multikulturellen Gesellschaften des Westens zieht. Der 40-Jährige ist in Breisach am Rhein aufgewachsen. Sein Vater ist ein chinesischer Indonesier, die Mutter Deutsche.

Dass Filet-o-Fish aus der fetttriefenden Fast-Food-Küche mit süß-saurer Soße am besten schmeckt, ist nur eine Erkenntnis des Abends. Die Dramaturgie verheddert sich manchmal in überbordender Komplexität. Unermüdlich rennt Jenny Groß in der Rolle des Vanessa über die Bühne. Sie folgt ihrem Vater, der seine kulturelle Würde verliert – jeden Tag demütigen ihn die Menschen mehr. Dass selbst Mc Donald’s seine Einheitsburger mit „Asiawochen“ vermarktet, setzt Wang Chong augenzwinkernd in Szene. Schauspieler tanzen als Werbemaskottchen Ronald Mc Donald über die Bühne. Da spielt Bühnenbildnerin Li Hyung Nam mit Klischees. Die Marketingstrategen des US-Konzerns wischen das letzte bisschen Selbstrespekt der Menschen einfach weg. Wunderschön hebt der Regisseur mit berauschend übertriebenen Bildern wie diesem den Humor im Text hervor. Tiefenschärfe gibt Hyun Wanner der gescheiterten Vaterfigur zurück.

Die Komplexität des Stücks ist auf der Bühne nicht leicht zu bewältigen. Wenn Yannic Han Biao Federer in endlosen Diskursen das schwierige Verhältnis der Deutschen und der Indonesier aufarbeitet, setzt er auf die Schocktherapie der Geschichte. Dass der erste deutsche Kanzler Adenauer da aus Angst vor einem übermächtigen Asien die Finger im Spiel hatte, und so Pogromen und Massenmorden Wege ebnete, ist nur wenigen bekannt. Der historische Abriss ist herausfordernd, überfrachtet den Abend. Wang Chong schafft es dennoch über weite Strecken, die Leichtigkeit aus Yannic Han Biao Federers Text herauszukitzeln. Dass der Autor selbst im Stück auftritt und mit dem Scooter über die Bühne flitzt, sorgt für erfrischende Lacher.

Nicht allein den internationalen Horizont des Festivals hat der Netzwerker Holger Schultze geweitet. Für den Intendanten, der selbst mehr als 120 Inszenierungen in Oper und Schauspiel vorzuweisen hat, war das ästhetische Profil des Festivals immer eine Hauptaufgabe. Mit „Fußnoten aus dem 21. Jahrhundert“ der Dramatikerin Svealena Kutschke in der Regie von Pablo Lawall war auch eine Produktion des Puppentheaters vertreten – die Produktion des Musiktheaters Gelsenkirchen wurde mit dem Stückepreis des Deutschen Forums für Theater und Puppenspielkunst ausgezeichnet, an dem auch  das Heidelberger Theater beteiligt ist. Dass in Zeiten drastischer Kürzungen im Kulturbetrieb auch bei diesem Festival wieder große Bühnen in Heidelberg gastierten, etwa das Burgtheater, Deutsches Theater Berlin und Thalia Theater in Hamburg, zeigt Schultzes ungebrochenen Kampfgeist.  

Erschienen am 2.5.2026

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