Auftritt
Thalia Theater Hamburg: Abistoff mit Blutspur
„Der zerbrochene Kurg“ von Heinrich von Kleist – Regie Lilja Rupprecht, Bühne Christina Schmitt, Kostüme Annelies Vanlaere, Musik Fabian Ristau, Video Moritz Grewenig, Live-Kamera Sibel Bicer
von Jens Fischer
Assoziationen: Theaterkritiken Hamburg Lilja Rupprecht Thalia Theater

So geht Klassiker! „Der zerbrochne Krug“, Heinrich von Kleists so böse die Abgründe einer dörflichen Gemeinschaft ausleuchtendes „Lustspiel“, ist mehr als 200 Jahre alt und seither von stets trauriger Aktualität. Im Zentrum stehen für Fake News freudig aufnahmebereite, in ihren sozialen Rollen und Vorurteilen gefangene Menschen, die in einer grotesken Gerichtsverhandlung den Kampf um die Vermeidung der Wahrheit zum eigenen Vorteil ausagieren. So versucht der Richter per Vertuschungsstrategie die Kontrollmacht seiner Position und den privilegierten Lebensstandard zu retten, da er gerade seine Macht für einen sexualisierten Übergriff missbraucht hat. Schon deswegen wird das Stück derzeit gern als Ausdruck der systemischen und physischen Gewalt eines patriarchal gelebten Alltags gelesen. Regisseur:innen inszenieren Hinweise auf Donald Trump, Harvey Weinstein, die Geschäfte des US-Sexualverbrechers Jeffrey Epstein und den Pelicot-Prozess hinein, ganz frisch könnte auch die Anklage der Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen eingebaut werden. Am Hamburger Thalia Theater wählt Lilja Rupprecht aber die wirkungsvollere Variante und lässt das Publikum solche Bezüge selbst assoziieren. Sie fügt nichts hinzu, versucht auch nicht originell zu sein, sondern verlässt sich auf die Vorlage. Und siehe da: Das Stück funktioniert bestens als wütende Abrechnung mit gesellschaftlichen Machtstrukturen, die von Männern dominiert werden. Wobei das famose Ensemble die Schönheit, Feinheit, Genauigkeit und den Witz der von Kleist komplex gebauten, schwungvoll rhythmisierten Blankverse hörbar werden und dabei geradezu heutig klingen lässt.
Zum freien Puls des Schlagzeugspiels (Fabian Ristau) ist bereits zu Beginn der Richter Adam als Täter zu sehen, wie er stöhnend und schimpfend über die Bühne humpelt. Er hatte versucht, Gefälligkeiten von der Bauerntochter Eve zu erpressen. Nach ersten aufgezwungenen Berührungen platzte aber ihr Verlobter Ruprecht herein und schlug Adam in die Flucht. Der stürzte aus dem Fenster, zerdepperte dabei den titelgebenden Krug, zog sich etliche Wunden zu und steckt nun seine blutrot befleckte Hose in eine Waschmaschine. Sich selbst reinwaschen, das wird ihm nicht mehr gelingen. Eve sieht in stolzgerader Auflehnungshaltung zu und blickt fortan in Videoszenen immer wieder herausfordernd auf die Szenerie, aber mit zugepflastertem Mund. Zum Schweigen gebracht vom unangreifbar scheinenden Richter. Denn wenn sie nicht aussage, schütze er Ruprecht vor der Einberufung zum Militär. So lügt Adam. Diese häufig als alter, weißer, autoritärer Glatzkopf möglichst lächerlich hergerichtete Richterfigur wird in Hamburg von Jannik Hinsch gespielt, einem jungen, lässig smarten Spaßvogel mit üppiger Haarpracht unterm Basecap und dem rasenden Sprechduktus eines manipulativen Aufschneiders. Strahlend selbstherrlich bis dummdreist arrogant tritt er auf, spielt mit aufgerissenen Augen und Dauerlächeln wie ein Selbstinszenierer vor der Webcam eines Social-Media-Accounts. Was noch eindrücklicher funktioniert, wenn er in Live-Video-Passagen tatsächlich in eine Kamera spricht und mit ihr agiert. Dass Adam den Gerichtstag – wer zerdepperte den Krug? – wie einen Gottesdienst inszeniert, ist ein weiteres Machtmittel, damit alle devot seiner Verhandlungsführung der Tatsachenverschleierung folgen.
Adam betreibt Nötigung im Amt, Täter-Opfer-Umkehr, Rechtsbeugung, steht für Korruption und Urkundenfälschung. Alle anderen Figuren sind Beispiele fürs Wegschauen und Dulden des männlichen Maskenspiels. Wie Adam von sich selbst als Täter ablenkt und mit seiner Unrechtspflege scheitert, das ist die Komödie. Eine Justizposse. Für Eve wird die Wahrheitsverbiegung zur Tragödie: vom Richter missbraucht, von der Mutter und dem Verlobten als „Metze“ herabgewürdigt. Ein Drama ums fragile Vertrauen. Unnahbar schweigend stehen sich Eve und Ruprecht (Sinan Güleç) gegenüber. Zu spät weicht er sein Aggromachotum auf.
Ein Notfall nach 45 Aufführungsminuten. Eve-Darstellerin Nellie Fischer-Benson bricht zusammen und knallt mit dem Kopf auf den Bühnenboden. Nach ärztlicher Behandlung und 30-minütiger Unterbrechung spielt sie, wie Intendantin Sonja Anders betont, auf eigenen Wunsch weiter. Und zwar zunehmend aggressiv in ihrem Schweigen über Tat und Täter – bis zum eindringlichen Ausbruch im Schlussmonolog, der nach der Uraufführung 1808 gestrichenen, derzeit wieder gern reaktivierten Schilderung des Tathergangs. Der traumatisierenden Erfahrungen zum Trotz buhlt Eve dabei gefasst und stark um Zustimmung für ihre Empörung über den fahrlässigen Umgang mit der Gefahr Mann und stimmt die Empowerment-Hymne „You don’t own me“ von Lesley Gore an. So verbündet sich das Theater mit aktuellen Protesten – etwa der Großdemonstration zu mehr Schutz für die Opfer sexualisierter Gewalt auf dem Hamburger Rathausmarkt, die zwei Tage vor der Premiere stattfand. Und die Aufführung befindet sich im Einklang mit der allgegenwärtigen Entrüstung, dass die Schuldigen oft ungestraft bleiben. In diesem Fall flieht der kriminelle Adam aus dem Dorf und vor sich selbst.
Natürlich kann man das Stück subtiler, psychologisch tiefenschärfer und inhaltlich komplexer auf die Bühne bringen, als es Lilja Rupprecht will. Wie oft am Thalia Theater geht es hier auch immer um die Feier emanzipatorischer Kräfte. Freizusetzen ist Widerstandsenergie. Und das wohl gerade für eine angepeilte Zielgruppe: „Der zerbrochne Krug“ ist Abistoff in Hamburg.
Erschienen am 8.4.2026


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